1
Wäre ich nicht so aufgebracht, würde ich den Mann vor mir gründlich abtasten. Er muss ein Trugbild sein. Wenn ich ihn mit meinen Fingern berühre, wird er sich bestimmt auflösen wie eine Fata Morgana. Der tief in die Stirn gezogene breitrandige Hut, die Muskeln an den Unterarmen, die breiten Schultern, die gebogenen Spitzen der Stiefel. Das gebräunte Gesicht mit den männlichen Falten. Und diese Jeans, meine Güte!
Er sieht genau so aus, wie sich Lieschen Müller einen Cowboy vorstellt. Ein wandelndes Klischee, die Hände in die Hüften gestemmt, einen Kaugummi im Mund. Vor Klischees fürchtet sich meine Journalistenseele wie der Teufel vorm Weihwasser. Klischees bedeuten immer Ärger. Meine Finger zucken, aber dann rastet meine Selbstdisziplin wieder ein. Siebzehn Jahre Redaktionsdrill sind nicht spurlos an mir vorbeigegangen. Das Über-Ich meldet sich. Meine Teure, du bist nicht als Journalistin hier. Du bist auf Urlaub, hörst du? U-R-L-A-U-B. Entspannung, Erholung, einfach mal wegtreten.
Wegtreten. Genau. Ich trete einige Schritte von dem Cowboy weg, der auf seinen Stiefeln wippt.
»Sie sind also Ankes Freundin aus Deutschland, die noch nie einen Bären gesehen hat?«, fragt er, die Beine gespreizt, als säße er auf einem Pferd.
Dieser Typ hat überhaupt nicht die Absicht, sich aufzulösen wie eine Fata Morgana.
»Einen lebenden Bären«, korrigiere ich ihn. »Und Sie, haben Sie schon mal ein lebendes Krokodil gesehen?«
Der Cowboy stutzt einen Moment, dann lacht er. »Sie sind genau wie Anke, Sie wären imstande, einen schweren Laster umzublasen.«
Beim Namen Anke hätte ich nicht nur einen Laster umblasen, sondern Feuer speien können. Meine alte Schulfreundin ist schuld daran, dass ich schon seit zweieinhalb Stunden in der kanadischen Provinz British Columbia festsitze. Auf einem Flughafen, der diesen Namen gar nicht verdient. Außer einer Auswahl von fünfzig Sorten Kartoffelchips und Getränken, die wie billiges Shampoo aussehen, gibt es nichts zu kaufen.
»Die deutschen Mädchen, die hier leben«, sagt der Cowboy, »sind wirklich –«
»Wo ist Anke?«, unterbreche ich ihn. Verdutzt schiebt er seinen Hut einen Zentimeter himmelwärts.
»Sie konnte nicht weg, deswegen bin ich hier. Ich bin Jake. Ist das Ihr Gepäck?«
Sein Blick fällt auf meine zwei Koffer. Er hört auf zu kauen. »Ich hoffe, da ist nichts als deutsches Bier drin. Haben Sie eigentlich noch Kleider in Deutschland gelassen oder gleich alles mitgenommen?«
Vielleicht hätte ich mich in diesem Augenblick umdrehen und mit der nächsten Maschine nach Vancouver zurückfliegen sollen. Dann wäre mir einiges erspart geblieben.
Zum Beispiel die blutige Sauerei auf der Ladefläche des Pick-up-Trucks, der vor dem Flughafengebäude auf uns wartet.
Jake sieht die Abscheu auf meinem Gesicht und grinst. »Wir haben einen dritten Passagier. Er tut Ihnen aber nichts.«
Zu spät. Mir dreht sich bereits der Magen um. Ein totes Tier liegt dort, der Kopf mitsamt dem Geweih abgetrennt. Blut rinnt aus dem offenen Maul, die Zunge hängt heraus. Die Augen dunkel und starr. Zerrissenes Fleisch zwischen braunem Fell.
Ich schließe die Augen. Als ich sie wieder öffne, hievt Jake die Koffer auf die hintere Sitzreihe des Pick-ups.
»Steigen Sie schon mal vorne ein«, ruft er.
Ich öffne die Tür und bleibe wie angewurzelt stehen. Auf dem Sitz liegt ein Gewehr, der Lauf auf mich gerichtet.
Wie von der Tarantel gestochen umrunde ich den Pick-up.
»Halt! Halt!«, rufe ich und strecke die Handfläche nach vorne, als müsste ich den Stoßverkehr in Frankfurt stoppen. Ich stamme aus Frankfurt und weiß, dass es kein Mittel gegen den Stoßverkehr gibt. Aber vielleicht kann ich etwas gegen dreiste Cowboys tun.
»Woher weiß ich eigentlich, wer Sie sind?«, sage ich. »Vielleicht hat Anke Sie gar nicht geschickt.«
Jake, der gerade den zweiten Koffer hochstemmen wollte, lässt ihn wieder sinken. Er nimmt seinen Hut vom Kopf, streicht sich übers volle braune Haar und setzt ihn dann mit beiden Händen wieder auf. Wie mir später klar wird, ist es eine Angewohnheit, um Zeit zu gewinnen, ohne die Selbstbeherrschung zu verlieren.
»Wer soll ich denn sein?«, fragt er schließlich.
Ich ringe um die Antwort. Gail hat mich auf alles Mögliche vorbereitet, aber nicht auf wildbretjagende Cowboys.
Sie riet mir stattdessen, mich von den Horrorgeschichten wohlmeinender Kanadier nicht beeindrucken zu lassen. »Sie erzählen dir von aggressiven Bären und von Pumas, die Kinder überfallen«, hat sie mich gewarnt, »von Kojoten, die kleine Hündchen von der Leine weg fressen, und dann, wenn du dich nicht mehr in die Wildnis traust, sagen sie: Keine Bange, es kann dir doch nichts passieren.« Gail ist Kanadierin und muss es schließlich wissen. Ich habe sie auf einer Veranstaltung der Deutsch-Kanadischen Gesellschaft in Frankfurt kennengelernt. Gail ist mit einem Deutschen verheiratet und isst mindestens einmal die Woche Kartoffelpuffer mit Apfelmus.
Jake sieht mich immer noch fragend an. Ich klammere mich an meine Tasche mit dem deutschen Pass und stammle: »Ich … ich kenne Sie nicht … und Sie haben ein Gewehr im Truck.«
Jake schüttelt langsam den Kopf. »Das ist mein Jagdgewehr, Fraulein. Alle haben hier ein Jagdgewehr. Selbst Anke hat eins.« Er sagt »Änky«.
Ich bewege mich nicht von der Stelle und schweige.
»Mädchen, Sie haben keine andere Wahl, als mit mir zu kommen. Die Hotels in der Gegend sind voll, wegen des Rodeos. Der Rückflug nach Vancouver ist weg. Und Anke würde mich erschießen, wenn ich ohne Sie käme. Mit dem Jagdgewehr.« Er fasst den zweiten Koffer und zwinkert vielsagend. Dann knallt er die hintere Tür zu.
»Beruhigen Sie sich. Das hier ist nicht der Kongo, das ist Kanada.«
»Und Sie sind nicht Crocodile Dundee, sondern ein –«
Das Surren meines Handys unterbricht mich. Ich fische es aus der Tasche.
»Wo seid ihr? Ist alles okay? Ist Jake bei dir?« Eine weibliche Stimme. Unverkennbar Anke.
Den Rest des Gesprächs möchte ich lieber nicht dokumentiert sehen. Wir sind kurz davor, uns zu streiten. Ihren letzten Satz könnte ich ihr heute noch um die Ohren hauen: »Himmel, Kind«, brüllt sie, »stell dich doch nicht so an! Du bist in Kanada!«
Es ist immer dasselbe. Wenn man vorsichtig ist, stellt man sich an. Aber wenn man Risiken eingeht, heißt es hinterher: Wie konntest du nur so unvorsichtig sein!
Ich gebe auf und nehme Platz auf dem Beifahrersitz. Das Gewehr hat Jake neben den Hirschkopf auf die Ladefläche gelegt. Ich weiß nicht, ob das den Behörden gefallen würde, aber wenigstens ist es außer Sichtweite. Hätte ich meinen Laptop aktivieren können, dann hätte ich jetzt die kanadische Kriminalitätsrate mit der deutschen verglichen, damit ich nicht mehr so dumm dastehe.
Jake hält zehn Minuten später vor einer Tim-Hortons-Filiale und kommt kurz darauf mit Kaffee und Doughnuts zurück. »Sehen Sie, so nett sind wir Kanadier«, sagt er und grinst.
Zum ersten Mal lächle ich zurück. »Ja, ich weiß, in Kanada laufen alle Leute mit einem Heiligenschein herum.« Der Kaffeeduft stimmt mich beinahe versöhnlich.
Gail hat mir erzählt, dass Tim Hortons nicht nur eine Schnellimbisskette ist, sondern eine kanadische Institution. Das Unternehmen gehört zwar inzwischen einem amerikanischen Konzern und hatte deswegen seinen Geschäftssitz vorübergehend in die USA verlegt, aber das war nur von kurzer Dauer, und die Zentrale befindet sich heute wieder in Kanada.
Selbst die Soldaten in Kandahar würden mit Kaffee von Tim Hortons versorgt, hatte Gail erwähnt. Burger King und Pizza Hut wurden vom Oberkommandierenden der Nato aus dem afghanischen Hauptquartier verbannt. Aber Tim Hortons durfte bleiben.
Dieser Gedanke hätte vielleicht meine Kampfbereitschaft stärken sollen. Aber als mir Jake einen Doughnut in die Hand drückt, bin ich schon so geschwächt vor Hunger, dass ich bald den Hirsch hinter mir angeknabbert hätte.
»Langen Sie ruhig zu«, sagt er, »wir werden drei Stunden unterwegs sein, und unterwegs gibt’s keinen Laden.«
Drei Stunden! Ohne Laden! Auch das hat mir Anke verschwiegen. Zugegeben, sie hatte am Telefon von »abgeschieden« gesprochen, aber ich hatte nur »Ruhe, Natur, Einkehr« verstanden.
Großer Fehler, du hättest nachfragen sollen.
Jake stellt meinen Kaffeebecher in eine Vertiefung zwischen den Sitzen. »Das ist das wichtigste Accessoire in einem kanadischen Wagen«, sagt er und steuert den Pick-up auf eine Landstraße.
»Man hat es erfunden, weil der Kaffee so heiß ist«, sage ich und reibe mir die Hand.
»Falsch, das hier ist für die Bierdosen gedacht. Kaffee trinke ich nur mit deutschen Mädchen.«
»Frauen«, korrigiere ich ihn.
Er sieht mich von der Seite an. »Seid ihr deutschen Ladys immer so auf Konfrontationskurs?«
»Warum?«
»Ihr seid so … direkt.« Er spuckt das Wort aus wie eine faule Kirsche.
Ich weiß nicht, worauf er hinaus will. »Was heißt direkt?«
»Nun … das ist schwierig zu erklären. Anke ist auch so, die sagt immer, was sie denkt.«
»Soll ich etwa sagen, was ich nicht denke?«
»Nun … vielleicht …« Der Cowboy verstummt.
In diesem Augenblick ahne ich nicht, dass ich die wenig schmeichelhafte Bedeutung des Wortes »direkt« noch früh genug lernen würde.
Ich versuche vergeblich, meinen Kaffee zu trinken, denn wir holpern jetzt über eine Lehmstraße mit der Topographie einer Käsereibe. Der aufgeweichte Untergrund ist voller Schlaglöcher, Wasserrinnen, Steine und flacher Tümpel. Bei jedem Hüpfer fürchte ich, Jake unfreiwillig um den Hals zu fallen. Eine Vorstellung, die mir weniger peinlich ist, als sie eigentlich sein sollte. Jake dreht das Radio auf, laute Countrymusic füllt den Pick-up.
»Ach, das ist noch gar nichts«, brüllt er. »Nach einem Regen kann man hier im Sumpf steckenbleiben. Sie haben hoffentlich Gummistiefel dabei!«
Hab ich natürlich nicht. Aber das will ich ihm nicht gleich unter die Nase reiben. Seine ist übrigens gerade und männlich, stelle ich fest. Irgendwer hat bestimmt Gummistiefel für mich. Und so lasse ich zum ersten Mal ein Wort fallen, das mich wie eine Zauberformel über viele kanadische Kommunikationsfallen hinwegtragen wird. Man umgeht damit Höflichkeitsfloskeln und langatmige Argumente. Es lässt einen freundlich, angepasst und souverän erscheinen.
»Sure«, sage ich, mindestens so nonchalant, wie ich in Deutschland »Na klar« sagen würde.
Und siehe da, Simsalabim, taut Jake auf und erzählt mir, dass er seit drei Jahren auf Ankes und Carls Ranch mit den Pferden arbeitet, allerdings nur im Sommer, im Winter fährt er Lastwagen im Norden Kanadas. Irgendwann wolle er sich auch eine Ranch kaufen, sagt er, aber die Landpreise in Kanada seien kräftig angestiegen. Von Anke weiß er, dass British Columbia zweieinhalbmal so groß ist wie Deutschland. Aber hier leben nur knapp fünf Menschen pro Quadratkilometer. In B. C. gehört das meiste Land, vor allem die Wälder, der Regierung. »Crown Land« nennt es Jake, als ob es immer noch in der Hand der britischen Krone wäre wie zu den Zeiten, als Kanada eine britische Kolonie war. Die Regierung, klagt Jake, überlasse das Land nur Bergbaukonzernen und Holzunternehmen statt armen Schluckern wie ihm.
Wir fahren jetzt an zwei waldgesäumten Seen entlang. Die Straße wird noch holpriger, dichter Busch begrenzt die Sicht auf beiden Seiten.
»Und warum sind Sie nach Kanada gekommen?«, fragt Jake nach einer Weile.
»Das erzähle ich Ihnen nur, wenn Sie die Musik leiser drehen.«
Er tut es umgehend. Aber eigentlich kann ich ihm gar nicht die ganze Wahrheit erzählen. Ich kann ihm nicht verraten, dass ich genug davon habe, über die hundertste Tarifrunde der IG Metall zu schreiben. Dass ich eine Pause brauche. Dass ich mich immer noch von einer Scheidung erhole. Und dass mir langweilig war. Und mitten in dieser Langeweile hörte ich plötzlich von meiner alten Schulfreundin Anke. Sie kontaktierte mich über Facebook und schrieb mir von der Ranch und dass sie mit einem Kanadier ihr Glück gefunden habe.
Ich fand das unglaublich romantisch. Seither träumte ich vom Leben in der kanadischen Weite, von starken Männern und vom Leben in der Natur und mit Tieren. Ich sehnte mich nach Freiheit und Abenteuer und verband das alles mit Kanada. Aber das klang so furchtbar abgedroschen, dass ich mich fast dafür schämte.
Deshalb verheimlichte ich diese Sehnsüchte vor meinen Freunden, Bekannten, Geschwistern und den Arbeitskollegen in Deutschland. Erst recht meiner Chefin, die mir einen unbezahlten Urlaub von drei Monaten genehmigt hat. Offiziell hat mich Anke zu einem Besuch eingeladen. Punkt.
Diese Version bekommt nun auch Jake zu hören.
»Und ich will reiten lernen«, füge ich hinzu. Das ist mir gerade eingefallen.
»Was, Sie können nicht reiten?« Jake sieht mich fassungslos an.
»Na und? Sie können ja zum Beispiel auch nicht … Badminton spielen, oder?«
»Wenn Sie hierbleiben wollen, geht es nicht ohne Reiten.«
»Wer sagt denn, dass ich hierbleiben will?«
»Alle deutsche Mä… ähm, Frauen, die hierherkommen, wollen nicht wieder weg. Denken Sie nur, wie es Anke erging! Die ist hier hängengeblieben. Viele Deutsche haben in Kanada ihr Herz verloren. Das kann auch Ihnen passieren.«
»Wohl eher nicht. Ich habe eine Karriere in Deutschland und eine Eigentumswohnung.«
»Sie haben ein Condo? Sie besitzen kein Land?« Jake ist nicht beeindruckt.
»Nö, aber ich hab einen Balkon.«
»Einen Balkon, sieh mal an. Wissen Sie, wie groß die Ranch von Anke und Carl ist? 37 Hektar.«
Ich habe keine Ahnung, wie groß 37 Hektar sind, aber Jake hilft mir. »Wenn Sie die Grenze des Grundstücks ablaufen, dann brauchen Sie etwa eine Stunde.«
Ich bin beeindruckt.
Jake sieht so stolz aus, als gehöre ihm das Land persönlich.
Als er mir eröffnet, dass er vorhat, auf dem Rodeo in Williams Lake einen Stier zu reiten, kommt mir Gails Webseite in den Sinn. Mir wird ganz mulmig. Gail hat mich überredet, Video-Porträts von kanadischen Männern für ihre Webseite zu filmen. Nicht von irgendwelchen Männern, sondern von Junggesellen. Damit will sie ein weibliches Publikum für ihre alternativen Reisen anlocken. »Die sehen dann diese Naturburschen und kaufen die Reisen bei mir«, hatte sie mir erklärt. Ich dachte damals, warum nicht, so kann ich ungezwungen Männer kennenlernen (was beweist, wie leicht man solche Ideen sich selbst gegenüber rechtfertigen kann).
»Das wird ein Riesenspaß«, hatte Gail, deren Lieblingswort »FUN« ist, bekräftigt. »Und du bekommst meine selbstgemachten Seifen und Gesichtscremes kostenlos.« Das nenne ich ein Angebot. Gail stellt ihre Natur-Kosmetik ohne Tierversuche her, was mich als Tierfreundin besonders beeindruckt.
Nur hier, in Kanada, sieht die Sache nicht mehr so nach FUN aus. Worauf habe ich mich da nur eingelassen?
Im Radio singt jemand »Dance with me«, so schnulzig, als gelte es einen Eisberg zu schmelzen, und Jake singt mit.
Mir kommt die Fahrt wie eine Ewigkeit vor. Gebüsch links und Gebüsch rechts, dahinter Wald und nochmals Wald. Gerade abwechslungsreich ist das nicht.
Jake hält kurz an, damit ich endlich den lauwarmen Kaffee trinken kann, ohne ihn über meine Hose zu schütten, und dann geht’s wieder mit Gerumpel weiter, als ob wir in einer Waschmaschine säßen. Irgendwann entfaltet der Kaffee seine Wirkung, und ich sage Jake, ich müsse mal raus, um mir die Nase zu pudern. Es dauert eine Weile, bis er versteht, was ich meine.
»Gehen Sie nicht zu weit«, ruft er, als ich mich dem Gebüsch nähere, aber das braucht er mir nicht zweimal zu sagen. Wenn nur kein Bär in der Nähe ist! Der riecht doch bestimmt den blutigen Hirschrücken!
Als ich rasch zum Pick-up zurückkehre, ist Jakes Stirn umwölkt.
»Was ist?«, frage ich.
»Oh, nichts«, sagt er und startet den Motor.
Nach einer halben Stunde schaue ich auf die Uhr. Noch etwa vierzig Minuten zur Ranch, schätze ich.
Der Pick-up kommt plötzlich zum Stehen.
Jake versucht den Motor in Gang zu bringen. Aber der springt nicht an.
»Oh well«, sagt Jake, und sein Grinsen ist nicht mehr so frech. »Das war’s wohl.«
»Sind wir schon da?«, frage ich hoffnungsvoll wider besseres Wissen.
Jake öffnet die Tür. »Das Benzin ist alle, und ich habe den Reservekanister vergessen.«
Es dauert eine Weile, bis der Inhalt der Botschaft bei mir ankommt. Aber dann fasse ich mich schnell. »Wir können doch mit dem Handy die Ranch anrufen.«
»Kein Empfang hier, meine Teure, wir sind in der Wildnis. Oder sehen Sie irgendwo einen Sendemast?«
Jake macht sich auf der Ladefläche zu schaffen. Ich steige aus. Unbegreiflich, dass man in dieser menschenleeren Gegend einfach einen Benzinkanister vergessen kann!
»Was machen wir nun?«, rufe ich.
»Wir fahren mit dem Quad.«
»Mit was?«
Jake zeigt auf eine Art Motorrad mit vier Rädern, dem ich bislang noch keine Beachtung geschenkt habe. Es ist blutbeschmiert.
Die folgenden dreißig Minuten würde ich am liebsten aus meinem Gedächtnis streichen. Nur so viel: Jake gelingt es, den Hirsch von der Ladefläche zu schieben, das Quad über eine Rampe abzuladen und den Tierkadaver wieder auf den Pick-up zu werfen. Dann will er, dass ich mich auf das schmutzige Geländefahrzeug setze. Ich lehne entsetzt ab.
»Sie können auch hier warten«, sagt Jake, »aber ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, bis jemand kommt.«
Diese Aussicht ist noch schlimmer als der blutverschmierte Sitz auf dem Quad. »Ich hole noch rasch meine Kamera raus und meinen Schmuck und –«
»Das lassen wir mal schön hier«, sagt Jake. »Wer soll das denn Ihrer Meinung nach klauen? Wie vielen Autos sind wir bislang begegnet? Wissen Sie, worum Sie sich sorgen sollten? Dass uns ein Bär den Hirsch klaut!«
»Uns? Ich kann mich nicht erinnern, dieses arme Tier totgeschossen zu haben«, belle ich zurück.
»Und die armen Tiere in den europäischen Schlachthöfen? Dieser Hirsch hatte wenigstens ein schönes Leben, bevor er starb.«
Jake holt einen Lappen aus dem Pick-up und wischt energisch über die Sitzfläche des Quad. »So, sauberer wird’s nicht. Springen Sie auf, Mylady.«
Ich nehme Platz, kann mir aber eine Frage nicht verkneifen: »Sind die Autotüren abgeschlossen?«
Jake grinst schon wieder. Diese Kanadier sind wirklich nicht aus der Ruhe zu bringen.
»Fast so gut wie die Tresore der Frankfurter Banken«, sagt er. »Halten Sie sich richtig fest?«
Was heißt schon richtig auf einem Vehikel, das jede Delle, jede Erhebung, jede Wurzel, jeden Steinbrocken als Fahrspur nimmt?
Zu spät schießt mir der Gedanke durch den Kopf, dass wir beide keinen Helm tragen. Aber denken ist auf dem Quad ohnehin nicht möglich, es geht nur noch darum, nicht abgeworfen zu werden.
Jake scheint die ganze Sache Spaß zu machen, der fühlt sich bestimmt, als reite er auf einem wildgewordenen Stier. So kommt mir die Fahrt auch vor. Zu allem Übel fängt es auch noch an zu regnen.
Ich will nur noch nach Hause, wo immer das ist.
»Wir nehmen eine Abkürzung«, ruft Jake plötzlich, und schon rumpeln wir querfeldein, schlagen Breschen ins Gebüsch, während mir Zweige ins Gesicht peitschen, und durchqueren morastige Wiesen. Schlamm und Erde spritzen an meinen Jeans hoch.
Jäh öffnet sich eine große Lichtung. Ich sehe ein Blockhaus, daneben einen Stall mit Maschinen davor und ein Geviert voller schwarz-weißer Rinder. Eine Gruppe Pferde steht Heu fressend unter Tannen – und da ist auch das Lama, von dem mir Anke erzählt hat. Enten, Hühner und Kaninchen verscheuchend, rumpelt das Quad über wacklige Holzlatten, die wohl eine improvisierte Brücke über einem sprudelnden Bach darstellen sollen.
Endlich kommt das Quad zum Stehen. Ein Hund bellt. Ich kann kaum meine Finger von den seitlichen Bügeln lösen, an denen ich mich festgehalten habe. Wasser rinnt mir über die Stirn ins Gesicht.
Ich sehe mich um. Das ist Ankes Ranch? Irgendwie habe ich mir alles … idyllischer vorgestellt. Es wirkt so … unordentlich.
Eine Frau tritt aus der Tür und kommt die Treppe herunter. Ich erkenne sie kaum wieder nach all den Jahren.
»Du lieber Himmel, wie siehst du denn aus?«, fragt Anke.
Jake hat recht, sie ist wirklich sehr direkt.
Ich versuche zu lächeln. »Meine Wimperntusche ist wasserlöslich.«
»Ich hoffe, deine Schuhe sind es nicht.« Anke lacht.
Ich sehe an mir herunter. Meine Turnschuhe stecken tief im weichen Erdboden.
»Ich hab bestimmt ein Paar Gummistiefel für dich«, sagt sie und umarmt mich. »Willkommen in Kanada! Du bist ja schon auf einem Quad gefahren. Ist das nicht toll?«
Ich blicke zu Jake, der wieder mal unverschämt grinst, obwohl er kein Wort versteht.
Ich schlucke leer.
»Sure«, sage ich.
2
Ich führe Selbstgespräche, was ein gutes Zeichen ist. Deine Welt ist wieder in Ordnung, sage ich zu mir. Du sitzt mit einer Tasse Kaffee am großen Holztisch und siehst Anke zu, wie sie aus Teig Brote formt. So erdig und stark. Dein Haar kraust sich fürchterlich, aber es ist schon fast trocken. Ein Feuer knistert im finnischen Specksteinofen, der Ankes ganzer Stolz ist. Du weißt jetzt alles über die Vorzüge finnischer Specksteinöfen, die allen kanadischen Öfen überlegen sein sollen, und du hast ihn auch gebührend bewundert. Ja, richtig, über dem Sofa hängt ein ausgestopfter Bärenschädel, daneben das konservierte Haupt eines Elches, aber sieh jetzt nicht da hin, meine Liebe. Wir denken dann später darüber nach, wie wir dazu stehen.
Diese Wände aus dicken Baumstämmen, so hast du dir das doch immer vorgestellt, du heimliche Träumerin. Blockhüttenstil. Rustikal. Oder vielleicht doch nicht so rustikal? Zugegeben, ein bisschen mehr Privatsphäre wäre nicht schlecht. Du wirkst ein bisschen verloren in diesem Raum. Er ist Küche, Esszimmer, Wohnstube, Büro, Badezimmer und Waschküche in einem. Ein bisschen viel offenes Wohnen, aber wenigstens hat die Toilette eine eigene Tür. Wenn du Ankes Anweisungen befolgst, wie das Klo zu bedienen ist – ein Wassereimer spielt dabei eine wichtige Rolle –, dann wird es schon irgendwie gehen. Denk daran, was Anke dir erzählt hat: Früher hatten sie nur ein Plumpsklo draußen und mussten die Flinte mitnehmen, wegen der Bären. So kanadisch willst du es doch auch wieder nicht, oder, meine Liebe?
Und sieh mal, wie harmonisch hier Menschen und Tiere auf engem Raum zusammenleben. Dieses Japsen und Schmatzen aus der anderen Ecke des Raumes, das ist die Hündin Bella, ein Golden Retriever, die ihre zehn Jungen säugt, die sie vor wenigen Tagen geworfen hat.
Anke will die jungen Hunde später verkaufen. Erinnere dich dran, was sie dir gesagt hat: »In Kanada muss man erfinderisch sein, damit genug Geld reinkommt.« Die Menschen hier lassen sich nicht unterkriegen.
Sieh dir Anke an. Hat sie nicht das Gesicht einer Frau, die körperlich hart arbeitet, aber zufrieden ist? Du arbeitest auch hart, aber die Zufriedenheit, die fehlt dir. Du musst sie sicher beneiden, meine Teure! Versetz dich in ihre Welt. Dazu bist du doch nach Kanada gekommen, nicht wahr?
Anke unterbricht meinen Gedankenstrom. »Was sagst du zu unserer orangefarbenen Polstergruppe? Die ist von Ikea«, erklärt sie, »und damit kann ich mich brüsten, denn für die Kanadier ist Ikea europäisch und deshalb erstklassig. Wir sind dafür eigens acht Stunden nach Vancouver gefahren. Ich glaube, ich habe die einzige Polstergruppe im Umkreis von fünfhundert Meilen, die nicht geblümt oder gestreift ist.« Sie lacht. »Für die Kanadier sind leuchtende, knallige Farben typisch europäisch. Alles, was frech ist und heraussticht, bezeichnen sie als europäisch. Schockfarben eben. Die Durchschnittskanadier bevorzugen dezente Töne, Beige und Rauchblau und Dunkelgrün oder ein blasses Rosa.«
Hat mir Gail nicht auch so etwas erzählt? Wie hat sie die Kanadier im Allgemeinen charakterisiert? Vorsichtig, zurückhaltend, bescheiden. Und so nett. Und überall beliebt. Deswegen würden manche Amerikaner mit der kanadischen Flagge auf dem Gepäck reisen, um überall willkommen zu sein.
Anke hört auf zu kneten und sagt: »Du hast wieder deine Eros-Ramazotti-Augen.«
»Ich habe was?«
»Deine Eros-Ramazotti-Augen. Genau diesen Blick hast du früher jedes Mal gehabt, wenn eine dieser romantischen Eros-Balladen im Radio lief.«
»Also hör mal! Daran kannst du dich doch bestimmt überhaupt nicht mehr erinnern. Außerdem ist das Michael Bublé.«
»Michael wer?«
»Michael Bublé, das solltest du doch wissen, der ist Kanadier. Sogar in Deutschland kennt man den.«
»Was weiß ich. Hier hört man nur Country.«
»Ja, das hab ich gemerkt. Ist ja gut, dass ich diese CD mitgenommen habe.« Und ein paar Bücher, denn außer Koch- und Gartenbüchern und Anleitungen für den Heimwerker habe ich hier nichts gefunden. Aber das sage ich nicht laut. Dafür singe ich kräftig mit: »I wanna go home …«
Anke schneidet eine Grimasse: »Kaum angekommen, willst du schon wieder nach Hause?«
»Anke, gib’s auf!«
Sie schiebt die Brote in den Ofen und wischt sich die Hände am Küchentuch ab. »Komm, ich zeig dir unser Land«, sagt sie.
So komme ich zu meinem ersten »kanadischen Moment«. Zu dem Zustand, in dem man nichts mehr denkt und nur noch staunt, wie schön Kanada ist.
Ich ziehe die schmutzigen Turnschuhe an, denn mein Gepäck ist noch nicht da, Jake und Carl sind immer noch auf dem Quad unterwegs. Wir erklimmen einen Hügel hinter dem Haus und schauen uns um. Ich sehe kein Haus, nicht mal das von Anke, keine Straße, weder Strommasten noch Telefonkabel. Diese Weite! Diese Schönheit der Natur! Platz zum Atmen. Raum für Bewegungsfreiheit. Rundum gibt es nichts als Wälder, so weit man sieht. Die Weiden der Ranch ragen wie eine helle Zunge in das dunklere Grün hinein. Darauf grast das Vieh.
»Wir haben fünfzig Rinder, zwei Milchkühe, einen Stier, fünfzehn Pferde und ein Lama«, zählt Anke auf.
In meinen Ohren klingt das so viel besser als »ein VW Jetta, ein Diamantring, vier grüne Aktienfonds, drei Joop-Kostüme, eine Corbusier-Lederliege und ein Abo für die Kunsthalle«.
»Siehst du den Weiher dort?«, ruft Anke. »Der gehört uns auch, samt den Forellen drin. Und die nächsten Nachbarn sind mehr als sechs Kilometer entfernt.«
Ich werde immer neidischer. All das ist ihr Grund und Boden! Der einzige Boden, den ich mein Eigen nenne, ist das neue Parkett in meinem Wohnzimmer.
Eine richtige Pionierin ist sie, die Anke. Sie kann diese Geschichten von den Anfängen erzählen, wie die Auswanderer in den Reality-Shows im deutschen Fernsehen.
»Wir wussten nicht, was uns erwartet, sonst wären wir vielleicht wieder geflüchtet. Es gab keine Schlafzimmer im Haus, stell dir vor, nur einen Dachboden. Die Fenster hatten Plastikplanen statt Glasscheiben. In allen Ritzen hatten sich Mücken eingenistet. Es war furchtbar. Ich war so zerstochen im Gesicht, dass ich dachte, Carl wird bald vor mir Reißaus nehmen. Wir haben in Schlafsäcken auf dem Holzboden geschlafen, bis es endlich Platz gab für die eigenen Möbel. Und ich musste wochenlang auf einem Feuer im Freien kochen, bis wir Gas hatten.«
»Ach, wie abenteuerlich das klingt!«, sage ich neidisch.
Anke ist jetzt ganz in ihrem Element. »Carl musste ein Jahr lang Zäune bauen für sechs Euro die Stunde, weil die Fleischpreise im Keller waren und unser Rindfleisch nichts wert.«
»Das hat euch sicher zusammengeschweißt«, rufe ich entzückt, »dieser harte Kampf ums Überleben.«
Anke bleibt stehen. »Ich sag dir jetzt was, Schätzchen. Als wir kein Geld hatten, wäre ich fast wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Aber sag das nicht meinen Eltern. Hier hast du kein soziales Auffangnetz wie bei uns. Und Selbstversorgung ist kein Honigschlecken, das kannst du mir glauben.«
Ich bin perplex. »Erst schwärmst du mir vor, wie schön du es hast, und jetzt willst du mich abschrecken?«
»Abschrecken? Weißt du, warum ich nicht zum Flughafen gekommen bin? Weil Carl und ich uns gestritten haben. Er hat sich ein neues Schneemobil für zwanzigtausend Dollar gekauft, ohne mein Wissen und auf Pump! Jetzt können wir wieder meine Eltern in Deutschland nicht besuchen. Aber er kennt es nicht anders. Hier leben alle auf Pump. Die machen Schulden wie wir warme Brötchen und finden nichts dabei. Es gehört zum kanadischen Lebensstil. Nur mir geht das total gegen den Strich.«
Sie beginnt den Abstieg vom Hügel. Auch mit meinen Ranchferien geht es von da an leider bergab.
»Jake wird dich am Wochenende zum Rodeo mitnehmen.«
»So, wird er das. Werd ich eigentlich auch gefragt? Ich geh nur mit, wenn er diesmal einen vollen Reservekanister einpackt. Wie kann man so was nur vergessen!«
Anke zuckt die Schultern. »Daran musst du dich hier gewöhnen. Wir Deutschen haben andere Erwartungen an Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit als die Kanadier.«
»Dann bist du ja schon richtig kanadisch geworden«, necke ich sie. »Hast mich zwei Stunden lang auf dem Flughafen warten lassen.«
Anke lässt so etwas wie ein Schnauben hören. »Du musst ein bisschen großzügiger werden, Schätzchen, dann geht alles leichter.«
Die hat gut reden. Auf ihren Wunsch hin habe ich ihr tonnenweise deutsche Zeitschriften mitgebracht, deutschen Kaffee, deutsche Speisewürze, deutschen Senf, deutsche Kekse, deutsche Kräuterbonbons, deutsche Magentropfen – wenn das nicht großzügig von mir ist.
Dafür will sie mir gesunde Schokolade andrehen, die helfen soll, Gewicht zu verlieren. Schlankwerden mit Schokolade. Ich denke, ich hör nicht recht. Als ob ich das nötig hätte. Anke wirbt für diese schlankmachende Schokolade auf Haus-Partys. Noch so eine ihrer Einkommensquellen, neben der Hundezucht, dem selbstgemachten Heidelbeerlikör, den gegerbten Hirschhäuten und den getrockneten Pilzen.
Heute Abend ist sie mit der Gesundheitsschokolade bei einer Bekannten namens Betty Halter und fährt dafür eine ganze Stunde. Ich verdrehe die Augen. Eine Tupperparty!
Das ärgert Anke: »Ihr Deutschen habt immer diese vorgefassten Meinungen!«
Aber nein danke, ich will trotzdem nicht mit. Für heute reichen mir die Schlaglöcher.
Und von Rundgängen auf der Ranch habe ich vorerst auch die Nase voll. Zuerst werde ich von dem Lama verfolgt. Eigentlich haben sich Anke und Carl das Tier angeschafft, um die Kojoten zu vertreiben. Aber Lamas haben es offensichtlich auch auf deutsche Journalistinnen abgesehen. Ich rette mich über einen Holzzaun und schlendere über die Weide, auf der friedlich die Kühe grasen. Plötzlich höre ich Ankes Stimme vom Wohnzimmerfenster. Ich verstehe nicht, was sie ruft, aber ihr Arm zeigt auf etwas hinter meinem Rücken. Ich drehe mich um und schaue einem Stier in die Augen. Da sind mir selbst die zehn Meter Distanz zu nah. Ich hüpfe wieder über den Zaun zurück.
Das Lama hat sich jetzt zu den Pferden hinter dem Haus gesellt. Da geh ich lieber nicht hin. Aber in den Stall gucken möchte ich und die Kälber hinter den Ohren kraulen.
Ich werde indes schon wieder verfolgt, diesmal von einem Hahn. Nun bin ich zwar eine Stadtbewohnerin, aber dass Hähne heimtückisch angreifen können, weiß selbst ich. Mit diesem hier ist bestimmt nicht zu spaßen. Ich ergreife die Flucht und bringe mich im Haus in Sicherheit.
Aber auch dort dauert die Schonfrist nicht lange. Abends sitze ich mit vier Fremden am Tisch, mit Carl, Jake und zwei Bekannten Carls, einem Ehepaar aus Alberta, das einfach hereingeschneit ist. Die beiden haben ein makabres Geschenk mitgebracht, nur weiß ich das als Einzige nicht. Anke ist von ihrer Schlankheitsschokoladen-Party noch nicht zurück. Aller Augen ruhen auf mir. Sicher bin ich völlig falsch angezogen mit meiner bunten Jacke von Dolce & Gabbana. Morgen werde ich das einzige Sweatshirt anziehen, das ich mitgenommen habe. Es ist grau.
»Na, schmeckt’s?«, fragt Carl, kaum dass ich einen Löffel des Ragouts auf meinem Teller verschlungen habe. Es schmeckt und fühlt sich an wie Nierchen an einer Sahnesauce.
»Ja, es ist lecker, danke«, sage ich höflich. Carl ist ein schwerer, kräftiger Mann mit Händen wie Schaufeln. Ich hätte Carl nie zugetraut, dass er so gut kochen kann.
»Das sind Prärie-Austern«, sagt Jake und tauscht vielsagende Blicke mit den andern aus.
Ich verstehe nicht. »Austern? Das sind doch keine Austern. Ich denke, das sind eher Nierchen.«
Alle lachen.
»Sie schmecken Ihnen also, die Nierchen?«, fragt Carls Bekannter, ein rotgesichtiger blonder Cowboy. Seine Frau knufft ihn in die Seite. Aber sie tut es mit einem Lächeln.
»Bei uns nennt man sie Rocky-Mountain-Austern«, sagt Carl.
Wieherndes Gelächter.
Meine Tischgenossen sind sicher schon beim fünften Budweiser-Bier an diesem Abend. Ich trinke Ankes selbstgekelterten Apfelwein.
»Seit wann gibt es in den Rocky Mountains ein Meer?«, gebe ich zurück.
Wieder eine Lachsalve.
Langsam geht mir das Getue auf die Nerven.
Die Tür öffnet sich. Anke ist zurück. »Na, was hast du denn Gutes gekocht?«, fragt sie und fasst Carl an den breiten Schultern.
»Prärie-Austern«, sage ich.
Anke schaut das Ehepaar aus Alberta an. »Ihr habt doch nicht etwa –« Dann schüttelt sie Carls Schultern. »Du hast doch nicht etwa –«
Ihr empörtes Gesicht spricht Bände.
»Sie soll doch ein echt kanadisches Erlebnis haben«, ruft Jake nun und öffnet eine neue Bierdose.
»Haben Sie dir gesagt, was das ist?«, fragt mich Anke.
»Nein, warum?«
»Das sind die Hoden von kastrierten Hengsten! Ich ess so was nie.«
»Siehst du nun, wie direkt Anke ist«, sagt Jake zu mir. Aber ich höre ihn kaum. Ich stehe unter Schock.
»Das ist eine Delikatesse«, protestiert Carl. Anke ignoriert ihn.
»Komm, ich mach dir ein Sandwich.« Ich folge ihr in die Küche.
»Deine Eltern essen ja auch Kutteln«, ruft Carl uns nach.
Anke öffnet den Kühlschrank. Aber mir ist der Appetit vergangen.
Sie sieht mich besorgt an. »Willst du ein bisschen von meiner Gesundheitsschokolade?«
In diesem Moment gehen die Lichter aus. Pfeifen und Rufen am Tisch. »Auch das noch«, höre ich Anke neben mir stöhnen. »Der Akku macht schon wieder schlapp.«
Im Nu hat sie eine Taschenlampe eingeschaltet. »Ist nicht so schlimm«, raunt sie mir zu. »Sonst wär’s eine lange Nacht mit viel Bier geworden.«
So gehen wir alle früh ins Bett. Ich liege noch lange wach. Von irgendwoher höre ich einen stotternden Motor, der aber nie richtig in Gang kommt. Schließlich verstopfe ich meine Ohren mit Wachsproppen. Die schützen mich noch vor anderen Geräuschen, denn die eine Wand meiner Schlafkammer reicht nicht bis an die Decke. Das sei einfacher zum Heizen, hat mir Anke erklärt. Der finnische Specksteinofen muss fürs ganze Haus reichen.
Mitten in der Nacht kriecht etwas über meine Beine. Ich schrecke auf. Ratten! Oder ein Marder! Verzweifelt suche ich meine Taschenlampe. Als ich sie anknipse, sehe ich in die verwunderten Augen einer getigerten Katze.
Erleichtert sinke ich auf mein Kissen zurück, aber jetzt bin ich hellwach und muss dringend aufs Klo. Ich taste mich die Treppe hinunter, an der Hündin mit den Welpen und dem mit Geschirr vollgestellten Esstisch vorbei, im Schlepptau die Katze. Als ich mich der Küchenzeile nähere, streicht sie mir miauend um die Beine. »Psssst«, mache ich, aber vergeblich.
Die Katze muss so hungrig sein wie ich. Plötzlich habe ich eine Eingebung: Ich nehme die halbgefüllte Schüssel mit den Prärie-Austern vom Tisch und stelle sie auf den Boden. Als ich aus dem Klo komme, fressen vier Katzen daraus. Ich verschlinge einen Joghurt aus dem Kühlschrank – Anke produziert natürlich selber Käse, Butter, Quark und Joghurt – und stelle die leergefressene Schüssel wieder auf den Tisch.
Rache ist süß, denke ich und schleiche zurück in die halbprivate Schlafkammer, wo ich in einen ruhigen Schlummer verfalle. Bis der Hahn kräht. Schlaftrunken sehe ich auf meinen Wecker: vier Uhr morgens.
Ich drehe mich auf die Seite und döse ein. Um halb sechs bin ich wieder wach. Stimmen und Schritte hallen durchs Haus. Jedermann scheint auf den Beinen zu sein. Ich warte, bis alle im Stall sind und es still wird, dann husche ich unter die Dusche, die nur durch einen Vorhang vor fremden Blicken geschützt ist. Ich drehe den Hahn auf – nichts. Kein Tropfen Wasser. Ich kann auch nicht die Zähne putzen oder das stehengebliebene Geschirr spülen.
Ich laufe zum Stall hinüber. Anke hält zwei Kälbern Milchflaschen ins Maul.
»Es gibt gleich wieder Wasser«, sagt sie.
...