Freunde von Freunden

Ullstein-30.03.2023

ERSTES KAPITEL

Konstellationen



Was sagt der buddhistische Mönch zum Hotdog-Verkäufer?

Das Problem, wenn du dir selber Witze erzählst: Ist halt nicht lustig, wenn du die Pointe kennst. Und ich kenne die Pointe, weil ich alle Pointen kenne, weil ich alles kenne. Ich weiß alles, ich sehe alles. Das sind die Fakten, und nach Lage der Fakten bin ich alles. Ich bin der Erzähler. Der Zuhörer. Das Lagerfeuer. Die Sterne.

An einem Junimorgen in den fiebrig wirren Teenagertagen dieses Jahrhunderts starb ein Mann im Central Park. Er war auf dem Weg zur Arbeit, spazierte mit Stöpseln in den Ohren im Shuffle-Modus durch seine gesamte Musikbibliothek, als er an den Radweg gelangte, der weniger ein Weg war als ein schwarzes Asphaltband, das sich durchs Grün wand. Er guckte nach links und rechts, und als er niemanden kommen sah, ging er los, doch auf halber Strecke erinnerte ihn eine Brise daran, dass sein Haar ein bisschen zu lang war, und er blieb mitten auf dem Weg stehen und öffnete die To-do-Liste auf seinem Telefon. Er blickte auf seine Hand, der Daumen machte tipp tipp tipp, und irgendwann zwischen dem fünften und dem sechsten Tipp kam ein blaues Retro-Rennrad um die Ecke gejagt und teilte den armen Kerl entzwei.

Passanten liefen herbei, aber sie konnten nichts mehr für ihn tun.

1

Dem Mann steckten noch die Stöpsel in den Ohren, und als ihm alles zu entgleiten begann, ging ein Lied zu Ende und der nächste Zufallstitel erklang. Himmlische Streicher hoben ihn an, zogen ihn empor, als Nat King Cole 1957 in ein Mikrofon sang und »Stardust« 2015 in den Ohren des Mannes ankam. Der Mann wollte dieses Lied nicht hören, und sein letzter Impuls war, es zu überspringen, aber dann sprang er selbst, von dieser Welt in die nächste, und der Song lief weiter, und »Frisö« steht noch immer auf seiner To-do-Liste.

»Ich sag ja nicht, dass der Typ selber schuld war«, erklärte Kervis, als er später über Roxanas Nische in der Presseabteilung des Rathauses thronte, »aber er hat mitten auf dem Radweg auf seinem Telefon rumgespielt. Ich mein, ist schon traurig, aber echt jetzt, Mann.«

Roxy fand es auch traurig.

»Schon der Zweite in diesem Jahr. Und es ist erst Juni«, fuhr er fort. »Wahrscheinlich müssen wir die Radwege sperren. Und ja, wir bekommen bestimmt Beschwerden von der Radler-Allianz. Aber wenn immer wieder Leute von Fahrradfahrern plattgemacht werden, was können die Typen dann ernsthaft dagegen sagen, oder?«

Roxy zuckte mit den Schultern; sie wusste auch nicht, was die Typen dann ernsthaft dagegen sagen konnten.

»Wie auch immer. Ich habe überlegt, ob wir nicht so was wie ne stadtweite Kampagne starten könnten, die Fußgänger dazu bringt, von ihren Handys hochzugucken. So Slogans wie ›Augen auf, New York‹ oder ›Kopf hoch, New York‹ oder ›Schau dich um, New York‹. Irgend so was.«

Roxy sagte, einer davon wäre perfekt.

»Welcher denn?«, fragte er. »Roxy?«

Roxy sah von ihrem Telefon auf. »Ja, Kervis?«

»Welcher ist perfekt?«

»Ähm«, entgegnete sie. »Sag noch mal?«

Er wiederholte.

2

»Definitiv der Mittlere.«

Es störte Kervis, dass ihm die Meinung seiner Assistentin Roxy so wichtig war. Es störte ihn auch, dass sie eigentlich nicht seine Assistentin war. In der Befehlskette war sie ihm unterstellt, und er konnte ihr sagen, was sie zu tun hatte, aber sie war nicht exklusiv seine, und das störte ihn. Außerdem störte ihn, dass sie ihre Sache nicht gut machte. Sie passte nie auf, schien ihre Arbeit nicht wichtig zu nehmen, hatte wahrscheinlich nicht mal für den Bürgermeister gestimmt und kleidete sich unprofessionell. Ihre Latzhose heute war da keine Ausnahme. Es war keine gute Entscheidung gewesen, sie einzustellen, und auch das störte Kervis, denn er hatte sie eingestellt. Vor allem aber störte ihn, dass sie hübsch war. Mit jedem Tag hübscher sogar. Die Latzhose hatte auch irgendwas damit zu tun.

»Jedenfalls«, sagte er, »ich sollte runtergehen. Der große Mann klang nicht glücklich. Könnte spät werden. Kannst du so lange bleiben?«

Konnte sie. Kervis ging, und fünfundvierzig Minuten lang rührte sie sich nicht von ihrem Schreibtischstuhl im leeren Großraumbüro der Presseabteilung. Die untere Körperhälfte schwang gemächlich hin und her, wie das Katzenschwanzpendel einer Uhr, während der Rest ruhig blieb, die Ellbogen dem Tisch verhaftet, das Handy in der Hand, die Nase im Handy. Es machte ihr nichts aus, zu bleiben. Wäre sie eine Stunde früher gegangen, würde sie das Gleiche an ihrem Küchentisch tun. Egal, ob in ihrer Wohnung oder im Rathaus, wo auch immer Roxy gerade war – sie war nie ganz da.

Stattdessen war sie hier. Fahrradunfälle scherten hier niemanden. Nichts war hier wichtig, alles glitzerte, und alle redeten über die Premiere einer neuen Reality-Show namens Love on the Ugly Side, die echt schrecklich bescheuert klang, sodass Roxy es nicht erwarten konnte, sie zu schauen, aber erst mal ließ sie sich weitertreiben, denn es gab noch mehr zu sehen.

3

Ein verheirateter Politiker war mit seiner Mätresse erwischt worden, und das amüsierte sie, bis ein Kind mit Behinderung eine Kletterwand erklomm, was sie mit Hoffnung erfüllte, bis ein Freund verkündete, er habe sein erstes Haus gekauft, was sie neidisch machte, bis ein Artikel bestätigte, dass der Meeresspiegel anstieg, und sie Angst bekam, bis der Kopf eines Pandas in einem Eimer stecken blieb und sie LOLte und so weiter und so fort; jedes Gefühl wischte das vorherige vom Whiteboard ihres Bewusstseins. In Los Angeles gab es ein Erdbeben. »Hat das noch jemand gespürt?« »Sheesh!« Roxy machte sich Sorgen, bis weiter unten ein Star, dessen Make-up-Tutorials sie so mochte, einen Link retweetete, Blaubeermuffins oder Chihuahuas, und Roxy dem Link folgte und er sie hierherführte, zu einer Reihe von Fotos, manche von Chihuahuas und manche von Blaubeermuffins, und die Blaubeermuffins sahen wie Chihuahuas aus und die Chihuahuas wie Blaubeermuffins, und die Seite forderte sie auf zu raten, was was war, und Roxy hinterließ ein LOL, und draußen, außerhalb ihres Handys, huschte ihr leises Kichern durch das grelle, leere Großraumbüro wie eine Maus.

Dann spürte sie ein Verlangen. Vielleicht hatten die großen Blaubeeraugen der Chihuahuas einen Fortpflanzungsimpuls ausgelöst. Was immer es war, irgendwas unten im Unterleib oder hinten im Hirn meldete sich mit einem vertrauten Ziehen, und Roxy landete hier, bei Suitoronomy, und begegnete Bob.

Bob hatte sie zuerst entdeckt und sofort gemocht. Warum auch nicht? Hier war sie schön, die beste aller möglichen Roxys. Hier war sie nicht das Mädchen aus der Presseabteilung mit den verquollenen Augen und der Latzhose. Hier war sie exquisit, dank Kleid und Make-up vom Silvesterabend vor drei Jahren, als sie frischer und neuer, schlanker und ausgeschlafener war. Hier waren die eindrucksvollen roten Locken nicht unter einer Mütze versteckt oder in einen strammen Pferdeschwanz gezwungen.

4

Hier breiteten sie sich aus wie Feuerwerk, und sie schenkte allem auf einmal ein vielschichtiges Lächeln: ein Lächeln für das neue Jahr, ein Lächeln für die Kamera, ein Lächeln für den Fotografen, ein Lächeln für alle im Raum, ein Lächeln für alle auf der Welt und schließlich ein Lächeln ganz allein für Bob. Bob sah das Lächeln und das Haar und das Kleid, und er musste gewusst haben, dass er sie begehrte, denn mit einem Zucken des Daumens, einer einzigen verbrannten Kalorie, sammelte er sein Begehren und schickte es knisternd aus seinem Hirn in Roxys Welt, was alles in Gang setzte, das folgen sollte.

Das war vor einer Stunde gewesen. Jetzt öffnete Roxy Suitoronomy, und da war Bob, der fröhliche, grübchenbewehrte Bob, und blickte begehrend aus ihrer Hand zu ihr auf. Er sah gut aus, aber hier sahen alle gut aus. Sie sahen alle so gut aus wie das gelungenste Foto von sich, und tatsächlich gab es im Universum kein besseres Foto von Bob als das hier. Sein Haar war nie besser gekämmt gewesen. Das historisch gut gekämmte Haar, das charmante Lächeln und das Wissen, dass sie ihm gefiel, reichten Roxy. Noch eine verbrannte Kalorie, und ihre Handys brummten und zwitscherten, um zu verkünden: Sie mochten sich.

Roxy hörte nicht gleich von ihm. Als Kervis schließlich in die Presseabteilung zurückkehrte und sich damit brüstete, dass dem großen Mann »Kopf hoch, New York« zu gefallen schien, packte sie still ihre Sachen und ging nach Hause. In der U-Bahn Richtung Morningside Heights vergaß sie Bob. Sie checkte den Wetterbericht, sie guckte Videos über Make-up-Katastrophen, sie unterschied weitere Blaubeermuffins von Chihuahuas, und sie flirtete mit drei anderen Männern. Bob war aus der Lagune ihrer Aufmerksamkeit gespült worden und paddelte nun wie ein Hund mit allen anderen in ihrem Hinterkopf herum.

5

Aber als sie am Abend halb stoned dalag und die erste Folge von Love on the Ugly Side gleich über die Maßen liebte, leuchtete ihr Handy auf. Es war Bob.

Er schrieb: »Darf ich ehrlich sein?«

Roxy war zu müde zum Flirten. Sie schlief ein, und als sie ihn am nächsten Morgen immer noch süß fand, antwortete sie beim Zähneputzen. Sie dachte über mögliche witzige Antworten nach, fand dann aber, dass er zwar süß war, doch nicht so süß, dass sie sich den ganzen Morgen den Kopf darüber zerbrechen musste, was sie ihm antworten sollte, und außerdem war sie spät dran. »Klar. Sei ehrlich.«

»Okay«, kam schnell zurück. »Also. Du bist meine Erste.«

»Deine Erste?«

»Meine Allererste.«

»Deine erste was?«

»Meine Erste hier. Mein erstes Match. Der erste Mensch, mit dem ich hier rede. Ich bin ganz neu.« Und ein bisschen später: »Wie schlage ich mich?«

Mittlerweile saß sie wieder an ihrem Schreibtisch downtown. Sie hatte zu tun, aber nahm sich kurz Zeit, um den Ball in der Luft zu halten. »Echt toll. Naturtalent.«

»Haha, danke. Also ich hab so eine App noch nie ausprobiert und wollte mal sehen, wie das ist. Ich hab das kleine Profil erstellt und das Ding ausgefüllt, ich hoffe, das Bild ist okay. Und dann habe ich damit rumgespielt, und das erste Gesicht, das aufploppte, warst du. War deins. Also da bin ich. Ich bin übrigens Bob. Schönes Kleid.«

»Ich bin Roxy. Danke.«

Punkte erschienen. Er schrieb mehr. Sie sah sich sein Profil an. Bob, 40, matcht mit dir. Sie unterbrach ihn. »Bist du geschieden, Bob?«

Die Punkte verschwanden, während etwas gelöscht wurde. Dann erschienen sie wieder, und dann: »Nein. Warum, wirke ich geschieden? Haha.«

»Noch verheiratet? Am Rumstreunen?«

6

»Nein, ich bin nicht verheiratet. Ich war auch nie verheiratet.«

»Kein Grund sich zu rechtfertigen, Bob. Schon okay, ich verurteile dich nicht. Das Leben ist lang. Leute langweilen sich.«

Noch eine lange Pause mit drei Punkten. So viel wurde geschrieben und gelöscht, geschrieben und gelöscht, und schließlich kam nur: »Ich bin nicht verheiratet.«

»Okay, ich glaube dir«, schrieb sie. Er antwortete nicht. Eine Stunde später saß sie beim Lunch, arbeitete sich durch einen Salat und rieb sich gerade einen trockenen Grünkohlfitzel von den Zähnen, als ihr noch etwas einfiel. »Tut mir leid, soll keine Kritik sein oder so. Ist nur komisch, dass du neu hier bist.«

»Dann bin ich wohl komisch«, schrieb er schnell.

»Hast du gerade eine lange Beziehung hinter dir?«

»Nein.«

»Bist du noch in einer langen Beziehung?«

Kleine Pause, aber dann: »Nein.«

»Ich will ja nicht drauf rumreiten, aber ich kapier’s einfach nicht. Als unverheirateter Mensch von vierzig Jahren warst du nie einsam oder neugierig genug, um mal eine Dating-App auszuprobieren?« Ihr wurde plötzlich bewusst, dass sie viel zu viel Energie in diese Unterhaltung steckte. War ihr das wirklich so wichtig? Sie widmete sich etwas anderem. Chihuahua. Chihuahua. Blaubeermuffin.

»Ich hab wohl gedacht, ich hätte es nicht nötig«, antwortete er. »Ich dachte, ich würde im echten Leben jemand Nettes treffen. Bei der Arbeit oder so. Auf einer Party oder einfach über Freunde. Ich hab lange drauf vertraut, dass so was passiert. Aber dann … ist es das nicht. Also da bin ich.«

Roxy las das in einem leeren U-Bahn-Waggon. Seine Ernsthaftigkeit war irgendwie unterhaltsam. »Deshalb bist du hier, Bob? Um jemand Nettes zu treffen?«

7

»Sind deshalb nicht alle hier?«

»Ich glaube, die meisten suchen was anderes, Bob.«

»Was denn?«

Roxy antwortete mit einer Reihe von Emojis, hauptsächlich Obst und Gemüse.

»Aha«, schrieb er. »Natürlich.« Einen Moment später riskierte er die Gegenfrage: »Und warum bist du hier?«

Roxy lächelte. Sie fing an, die ehrliche Antwort hinzutippen: eine Reihe von Emojis, hauptsächlich Obst und Gemüse. Sie wollte keinen Freund. Vielleicht irgendwann mal, vielleicht sogar mehr als einen Freund, doch falls dieser Tag jemals käme, dann wäre das kein Drama, sie käme sich nicht wie eine Heuchlerin vor, denn das wäre irgendwann mal, aber das hier war jetzt, und jetzt, wie in jedem Jetzt, das sie je durchlebt hatte, wollte Roxy einfach nur, was sie wollen wollte, nicht mehr und nicht weniger.

Sie musste an den Spruch ihrer alten Freundin Carissa denken, damals im Urlaub auf Cozumel, bevor Carissa geheiratet hatte und ihr Mann sie davon abhielt, weiter mit Roxy abzuhängen. Sie waren in einer Strandbar gewesen, und ein Typ, der sie schon den ganzen Abend anbaggerte, fragte, was für einen Mann sie suche, und sie so: »Ich suche einen Ehemann. Den einer anderen, wenn’s geht!« Roxy und die anderen Mädels hatten sich gar nicht mehr eingekriegt. Jetzt hatte Carissa ein vierjähriges Kind. Auf ihrer Facebook-Seite waren Fotos vom ersten Vorschultag. Carissa war aus Roxys Leben verschwunden. Da konnte sie den Spruch ruhig klauen.

»Ich suche einen Ehemann«, schrieb sie Bob, nachdem sie die Emojis wieder gelöscht hatte, und dann machte sie eine Pause, die Pause war wichtig wegen des Timings, aber als sie »den einer anderen, wenn’s geht« tippte und ein Zwinkersmiley dahinter setzte, kam es ihr irgendwie eklig vor, und sie überlegte, ob sie es falsch formuliert hatte, weil es nicht so witzig wirkte wie damals, als Carissa den Spruch gebracht hatte.

8

Vielleicht war er witziger, wenn man ihn laut aussprach und alle betrunken waren, vielleicht sollte sie ihn umformulieren, aber dann machte die U-Bahn eine kreischende Vollbremsung, und das Handy flog ihr aus der Hand und schlitterte wie ein Eishockeypuck durch den ganzen Waggon, bis es in einer undefinierbaren Lache liegen blieb.

»FUCK!«, schrie Roxy. Sie hastete zum anderen Ende des Waggons, klaubte das Handy aus der Lache und schüttelte es so lange, bis die undefinierbare Substanz abgetropft war. Dann machte sie sich an die Arbeit, fischte eine Flasche Desinfektionsmittel aus ihrer Tasche, gab einen Spritzer aufs Handy, dann noch einen, fast die halbe Flasche, und zog Taschentuch um Taschentuch hervor, um es abzuwischen, als könnte sie es sich jemals wieder vors Gesicht halten. (Niemals, das war ihr klar.)

Sie drückte den Power-Button. Es war tot. Sie drückte den Knopf fünf Sekunden, zehn, zwanzig, unablässig, wie Wiederbelebungsversuche an einem Leichnam. Ihr Daumen wurde weiß und tat weh. Immer noch nichts.

Sie rannte die Treppen der Station hoch und auf den Broadway, kaufte in einem Eckladen einen Sack Reis, und als sie nach Hause kam, steckte sie das Telefon in den Sack und ließ es für die längste Stunde ihres Lebens darin stecken. Dann schloss sie es ans Ladekabel an und sprach ein kleines Gebet.

Der weiße Apfel des Lebens erschien auf dem schwarzen Display.

Suitoronomy. Neue Nachrichten. Sie tippte darauf.

»Ich suche einen Ehemann.«

»Haha. Moment, echt jetzt? Richtig so! Ich glaube, wenn wir beide ehrlich sind, suche ich nach einer Ehefrau. Gut zu wissen, dass ich nicht allein damit bin. Hallo? Bist du noch da? Klemmst du unter einem Felsen? Habe ich was Falsches gesagt?

9

Okay, tut mir leid, dass ich dich genervt habe. Danke für eine nette erste Unterhaltung hier. Ich find’s jedenfalls cool, dass du direkt sagst, wonach du suchst. Sehr ehrlich und mutig. Falls du es dir anders überlegst und dich mal in echt treffen möchtest, sag einfach Bescheid. Auf Wiedersehen. Ich nerv dich jetzt nicht mehr. Auf Wiedersehen.«

Roxy schrieb nicht zurück. Sie vergaß Bob. Sie vergaß ihn so umfassend und gründlich, dass sie anderthalb Tage später angestrengt nachdenken musste, um sich an ihn zu erinnern, als sie, während sie beim Joggen auf Suitoronomy unterwegs war, hektisch versuchte, einem anderen Typen zu antworten, der sie am Mittwoch auf einen Drink treffen wollte, und stattdessen »Ja!« unter eine Nachricht setzte, die gerade erst eingetroffen war, eine Nachricht von Bob. Sie blieb stehen.

»Okay, weißt du was«, hatte er geschrieben, »eine letzte Sache noch, da ich dich ja ohnehin nie wiedersehe, auch wenn immer noch die Chance besteht, dass du nur unter einem Felsen klemmst – du scheinst cool zu sein, und ich würde dich gern in echt treffen. Kommt das zu früh? Oder zu spät? Ich weiß nicht, was hier so üblich ist. Ich glaube, wenn ich dich besser kennenlernen könnte, dann gern persönlich. Das alles unter der Voraussetzung, dass du tatsächlich unter einem Felsen klemmst. Wenn nicht, hab einen schönen Tag. Wenn du aber doch unter einem Felsen klemmst oder einem umgestürzten Baum oder einem Sumo-Ringer oder irgendwas anderem Großem, würdest du dann irgendwann mit mir essen gehen?«

»Ja!«

Roxy stand in Laufklamotten am Waschbecken und las den Chat, sah sich sein Foto an, las noch mal den Chat und kam dann zu dem Schluss, dass einer wie Bob vielleicht was hatte. Klar, er war ein Trottel, aber ein Abendessen könnte nett werden. Sie aß ja sowieso meistens zu Abend. Das Blut wich langsam wieder aus ihren Wangen.

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Und Scheiße, vielleicht könnten sie und Bob heiraten und Kinder kriegen oder so was, wenn er sich nicht als Nervensäge entpuppte. Sie sah ihn noch mal an und löste die Verlobung wieder. Der nicht. Aber er hatte schöne Lippen. Vielleicht würden sie ein bisschen knutschen. Vielleicht noch weitergehen. Sie wollte dem armen Kerl nichts vormachen, aber vielleicht würde sie einen Abend lang seine Welt auf den Kopf stellen. Und damit genug. Er war ein großer Junge; er könnte damit umgehen, in Liebe zu entbrennen und verlassen zu werden. Vielleicht würde er daraus lernen, so wie bei der heißen Bratpfanne; die fasst du auch nur einmal an. Willkommen bei Suitoronomy, Bob. Vorsicht, Drachen.

Sie schickte hinterher: »Wie wär’s Dienstag?«

Schnell antwortete er: »Dienstag geht klar.«

Für jemanden, der neu dabei war, war Bob ganz schön selbstbewusst. Roxy freute sich auf Dienstag. Sie schrieb sogar: »Kann’s kaum erwarten!«, bevor sie Love on the Ugly Side weiterguckte, dann auf Twitter ging und dann ein Quiz machte, das ihr verriet, welche Krankheit sie war.


***


VORNAME:

Sie gab ein: »Alice«.

In Wahrheit war »Alice« nicht ihr ursprünglicher Vorname. Alices ursprünglicher Vorname war »Truth«. Truth und ihre Zwillingsschwester, Justice, waren am 7. Juni 1987 ins St.-Luke-Waisenhaus aufgenommen worden. (Macht euch nicht die Mühe, danach zu suchen, es existiert nicht mehr. Genauso wenig wie das Land, dessen Waisen es aufnahm.) Sie trafen dort ein, ihre Ankunft wurde dokumentiert – der erste Nachweis von Alices Existenz –, und Jahrzehnte später wurden die Dokumente gescannt, digital archiviert und vergessen. Ich weiß nicht, wer ihre leiblichen Eltern waren.

11

Ich weiß nicht, ob sie gute oder schlechte Menschen waren. Ich weiß nicht, warum sie ihre Töchter nicht behalten konnten. Ich weiß nichts darüber, und deshalb nimmt Alices Geschichte auf der Schwelle des St. Luke ihren Anfang.

Justice wurde schnell adoptiert, von einem norwegischen Paar, den Hjalmarssons. Wussten die Hjalmarssons, dass ihr neues Baby ein Zwilling war? Hätten sie vielleicht beide Mädchen adoptiert, hätten sie davon gewusst? Wir werden es nie erfahren. Die Wahrheit über Truths Existenz scheint vor ihnen verborgen worden zu sein, wie so viele Wahrheiten vor vielen anderen Paaren auch, bevor eine Reihe von Klagen die Geschäfte des St.-Luke-Waisenhauses für immer beendete. Die Hjalmarssons reisten mit einem kleinen Mädchen nach Hause und waren rundum zufrieden. Sie nannten sie Sofia. Was lässt sich über Sofia Hjalmarsson sagen? Sie wuchs in Oslo auf, besuchte eine Schule, ergriff einen Beruf, heiratete jemanden, führte irgendein Leben. Wenn man möchte, findet man das alles. Aber Justice interessiert mich nicht. Truth schon.

Truth blieb noch zwei Monate länger im St. Luke. Dann kam eines Tages ein amerikanisches Paar, John und Penelope Quick, aus einem weit entfernten Ort namens Katonah, New York, und so kam es zum zweiten Existenznachweis eines bestimmten Mädchens in der enormen Kakofonie der Informationen: die Adoptionspapiere, ausgefüllt, unterschrieben und beglaubigt.

Dann, Nachweis Nummer drei: ein Flugticket. Ein Mittelplatz, für ein Baby in einer Babyschale zwischen seinen neuen Eltern. Irgendwann auf dem Flug, hoch über dem Ozean, wurde aus Truth Alice.

Und »Alice« war achtundzwanzig Jahre später die Antwort auf die Eingabeaufforderung VORNAME.

Alice gab »Alice« ein, wie sie es auf dieser Seite schon unzählige Male getan hatte.

12

Aber diesmal war es anders, denn diesmal wäre es das letzte Mal. Sie würde das Ding ausfüllen. Genug getrödelt. Jetzt wurde es ernst. Niemals aufgeben. Niemals kapitulieren.

ZWEITER VORNAME:

»Alice?«

Alice sah von ihrem Handy auf. Die Neunjährige neben ihr, Tulip mit Namen, zupfte an ihrem Ärmel. An heißen Tagen warteten sie in der kühlen Marmorlobby von Tulips Apartmenthaus, statt an der Bushaltestelle die Straße rauf.

Alice sah zu Tulip runter. Das Mädchen wirkte immer so ernst in seiner Schuluniform, mit den morgendlich strammen dunklen Zöpfen. Nur noch drei Tage, dachte Alice. Dann Sommer.

»Ja, Tulip?«

»Wir haben den Bus verpasst.«

Alice sprang auf. »Scheiße! Echt?« Luis, der Portier, lachte in sich hinein, als Alice aus dem Fenster guckte. Der Bus fuhr weg, die Fifth Avenue hinunter. Fuck, dachte sie, ich habe vor Tulip »Scheiße« gesagt. »Scheibenkleister«, sagte Alice, als könnte sie es damit ausbügeln. »Wir nehmen den nächsten.«

»Aber das war unser Bus.«

»Nein, das war der, den wir verpasst haben. Der nächste ist unser Bus.«

Sie lächelte zu Tulip runter, eine entwaffnende Logik. Tulip akzeptierte sie.

»Darf ich auf meinem iPad spielen?«

»Nein.«

Alice setzte sich und widmete sich wieder ihrem Handy.

ZWEITER VORNAME:

»Was machst du da?«

»Was ausfüllen«, sagte Alice.

»Was denn?«

»Etwas, das ich ausfüllen muss.« ZWEITER VORNAME:

»Aber was

13

»Tulip, ist gut.« ZWEITER VORNAME:

»Arbeitest du gern als Nanny?«

»Machst du Witze? Ich hab dich lieb, Kiddo.«

»Das war nicht die Frage.«

Alice gab auf. Sie steckte das Telefon in die Handtasche und hockte sich vor das heranreifende Kind, von Angesicht zu Angesicht, fast Nase an Nase.

»Tulip«, sagte sie, »ich verrat dir jetzt alles, was du im Leben wissen musst. Bist du bereit? Sieh mir in die Augen und nirgendwo anders hin. Hör auf meine Stimme und auf nichts anderes. Das, was wir gerade machen? Das nennt man ›Fokus‹. Wenn du das hinbekommst, wenn du lernst, dich zu konzentrieren und von nichts ablenken zu lassen, dann sind dir absolut keine Grenzen –«

»Wir haben den nächsten verpasst.«

Alice sprang wieder auf und guckte raus. Der nächste Bus verschwand die Fifth Avenue hinunter. Auf dem Heck prangte eine riesige Anzeige für diese neue Sendung, Love on the Ugly Side, die fetten gelben Buchstaben des Slogans wie eine Pistole auf der Brust: »Wozu bist du bereit?«

Alice seufzte.

»Scheiße.«


***


Am Abend strich das Sonnenlicht mit langen Fingernägeln langsam über Decke und Wände ihres kleinen Zimmers in Turtle Bay. Alice lag auf dem Bett und tauchte tief in ihr Laptop ein. Gary, der Kanarienvogel, knabberte Körner in seinem Käfig.

Lesezeichen. Der kleine weiße Pfeil schnüffelte an den Wörtern »Medizinertest Registrierung« und zögerte. Alice wusste, wenn sie das Formular jetzt anklickte, würde sie es definitiv ausfüllen, sie müsste es ausfüllen,

14

denn sobald es offen wäre, könnte sie es nicht mehr unausgefüllt schließen, denn: Niemals aufgeben, niemals kapitulieren. Sie klickte es nicht an. Stattdessen klickte sie auf Facebook.

»#foodporn«, postete ihr Highschoolfreund Dave und präsentierte ein selbst gemachtes Sandwich.

»Nummer acht hat mich umgehauen«, erklärte eine unbekannte Stimme, die eine Liste von zehn Kinderstars anpries, die so dick geworden waren, du glaubst es nicht!

»Verlobt!«, verkündete Alices Mitbewohnerin Kelly.

»Dieser Kerl hätte nicht sterben müssen«, überschrieb Tom, ein Typ, mit dem sie ein einziges Date gehabt hatte, einen Artikel über die gestrige Tragödie im Central Park. Toms Radler-Freund Brock schrieb darunter: »DU BIST MIT DEM THEMA OFFENSICHTLICH NICHT VERTRAUT« und erklärte dann wütend, warum Tom nicht das Geringste verstand von – aber Moment mal. Alice scrollte wieder hoch.

»Verlobt!«, verkündete ihre Mitbewohnerin Kelly.

Alice trat aus ihrem Zimmer. In der Küche saßen Kelly und ihr nun wohl Verlobter, Stöhni, aßen was von Halal Guys und unterhielten sich leise. Stöhni sammelte und restaurierte alte Schreibmaschinen. Er besaß Hunderte. Kelly hatte ihn erst vor ein paar Monaten kennengelernt, aber mittlerweile blieb er fast ständig über Nacht und verdiente sich den Spitznamen, den Alice ihm gegeben und für sich behalten hatte.

»Ihr seid verlobt?!«

Kelly sah hoch, und für einen Sekundenbruchteil stand ihr Panik ins Gesicht geschrieben. Die wurde dann ersetzt von so etwas wie Freude. »Ja! Seit gestern Abend!«

»Herzlichen Glückwunsch!« Alice drückte Kelly ganz fest. »Ich fass es nicht, dass ich davon auf Facebook erfahre! Verrückt!«

Kelly fand es auch verrückt und beantwortete dann sämtliche Fragen zu den wichtigen Details –

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wie es abgelaufen war, welchen Plan sie für die Hochzeit hatten, wie köstlich es sich angefühlt haben musste, den Facebook-Status zu wechseln – bis das Gespräch schließlich auf die Wohnsituation kam. Der Plan war, dass Stöhni einziehen sollte.

»Na ja, er wohnt ja eigentlich schon hier, das wird nicht viel verändern«, sagte Alice und tätschelte Stöhni scherzhaft die Schulter. »Aber wo sollen all die Schreibmaschinen hin?«

Da kehrte die Panik in Kellys Gesicht zurück, und diesmal verstand Alice, warum.


»Sie haben mich also höflich gebeten auszuziehen, und ich habe höflich zugestimmt.«

Alices Bruder Bill machte seiner Empörung Luft: »Das ist empörend! Dürfen die das überhaupt?« (Rein rechtlich durften sie das nicht, aber Alice stand zu sehr unter Schock, um sich dessen bewusst zu sein oder nachzugucken.) »Und jetzt packst du einfach deine Sachen und … verpieselst dich?«

»Sind ja nur ein paar Koffer und ein Vogelkäfig«, wandte Alice ein.

Bill schüttelte den Kopf und kippte den Rest seiner Margarita. Sie waren auf der Upper West Side in einem mexikanischen Restaurant namens La Ballena und saßen draußen auf der Terrasse, weil es ein herrlicher Nachmittag war, weil in Bills herrlicher Welt alle Nachmittage herrlich waren. Er trug eine Ray-Ban und ein hellblaues Oxford-Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln und bestellte nun eine zweite Margarita. Warum auch nicht? Er konnte den kleinen Rausch später ausschlafen.

»Tja, wenn du eine Weile irgendwo unterschlüpfen musst, dann kannst du immer zu uns kommen. Vorübergehend, natürlich. Oder dauerhaft! Verdammt, zieh doch bei uns ein!«

Alice lachte. »Nein, danke.«

16

»Ja, danke! Zieh bei uns ein, ich bestehe darauf!«

Bill war hartnäckig, weil er es sein konnte, weil er reich war und von einer geheimen Energiequelle befeuert wurde, die nie versiegte. Er war groß, hatte das gewellte Haar und die aggressiv strahlende Selbstzufriedenheit eines unbedeutenderen Kennedys. Alice, die kein Genmaterial mit ihm teilte, war mit nichts dergleichen zur Welt gekommen. Alles an ihr war aus dem Nichts geschaffen.

»Ich glaube, deiner Frau würde es nicht gefallen, wenn ich bei euch einziehe«, sagte Alice. »Oder, Pitterpat?«

Pitterpat sah von ihrem Handy auf.

»Alice«, sagte sie in ihrem Südstaaten-Singsang, »du bist uns jederzeit willkommen, das weißt du doch.« Sie war die Perfektion in Person und strahlte Alice an wie ein kleiner Heizofen mit Perlen.

»Das meinst du eigentlich nicht so«, sagte Alice, während sie sich die Karte nahm.

»Natürlich tut sie das«, sagte Bill.

»Natürlich tue ich das«, bestätigte Pitterpat.

»Und selbst wenn«, fuhr Alice fort. »Ich will nicht von einem glücklichen Paar zum nächsten ziehen, immer das komische kleine Schoßhündchen, das sonst niemanden hat.«

»Verstehe«, sagte Bill. »Kannst du bei Dad unterkommen?«

»O Gott, siehst du mich etwa wieder in Katonah?«

»Nur falls es keine andere Option gibt. Ich wette, er könnte etwas Gesellschaft vertragen.«

»Ja, sicher, wenn Dad etwas zu schätzen weiß, dann Gesellschaft.«

Bill wusste, dass sie recht hatte. Der Mann war ein guter Vater, der seine Kinder liebte, aber emotional war er eine Sukkulente und brauchte wenig mehr als einen Anruf zum Geburtstag oder an Feiertagen, wenn überhaupt.

Pitterpat entschuldigte sich kurz und ließ Alice und Bill allein.

17

Sie sahen sich gerade zum dritten Mal in drei Monaten. Es war seltsam. Alice hatte sich daran gewöhnt, ihren Bruder so gut wie nie zu sehen.

»Ich glaube, du hast sie verärgert«, sagte Alice.

»Nee«, sagte Bill, als sein Handy zwitscherte.

Eine Nachricht von Pitterpat: »Ich kann nicht glauben, dass du das getan hast.«

Bill sah zu Alice rüber, die die Karte studierte. Sie blickte auf. Er lächelte, und sie lächelte zurück. Er wandte sich wieder seinem Telefon zu.

»Schatz, du kennst meine Schwester. Ich wusste, dass sie Nein sagt, aber auch, dass sie wütend wäre, wenn ich’s nicht angeboten hätte. Also hab ich’s angeboten. Wissend, dass sie Nein sagt. Und das hat sie.«

»Sie kann nicht auf dem Sofa bleiben, Bill.«

»Erstens würde sie nicht auf dem Sofa bleiben. Wir haben ein Gästezimmer mit einem Bett.«

»Die Matratze ist wie aus Stroh. Das Sofa ist bequemer, da wird sie bleiben.«

»Sie hat Nein gesagt!«

»Ich habe das Sofa gerade erst gekauft! Du hast gesehen, wie viele Sofas ich mir angeguckt habe, bevor wir uns für dieses entschieden haben!«

»Und das Sofa ist toll, aber hat sie Ja gesagt? Nein! Du hast sie gehört. Sie hat Nein gesagt.«

»Sie besitzt einen Vogel, Bill! Es kommt nicht infrage, dass du deine Schwester und einen lauten Vogel in unsere Wohnung lässt!«

»Erstens ist Gary nicht laut. Er ist stumm. Macht keinen Piep. Zweitens. Sie. Sagte. –«

»Du hast es versprochen«, unterbrach sie ihn. »Dieser Sommer gehört uns. Nur uns beiden. Du hast es versprochen.«

Das hatte er.

18

Hier jedenfalls findet sich ein Interview vom Anfang des Jahres. Eins der vielen Interviews, die Bill im Vorfeld des großen Verkaufs gegeben hatte. In diesem (wie in allen anderen) fragte ihn der Interviewer: »Was ist MeWantThat eigentlich genau?«

»Na ja, wie viel Zeit habe ich?«

Der Interviewer lachte. »Je schneller, desto besser.«

»Also den Fahrstuhl-Pitch?«

»Ja, genau, den Fahrstuhl-Pitch.«

Bill setzte sich anders hin und tat so, als würde er sich gerade etwas überlegen. Er hatte diese Rede schon tausend Mal geschwungen, und so zu tun, als hätte er nichts vorbereitet, war Teil der Rede.

»Tja, ich denke, die erste Frage ist, warum tun wir das überhaupt? Warum erfinden wir neue Technologien? Um das Leben der Menschen zu verbessern. Um ihnen etwas zu geben, das sie wollen, bevor sie wissen, dass sie es wollen. Erfolgreiche Technologien begegnen Bedürfnissen, aber bahnbrechende Technologien antizipieren Bedürfnisse. An der Stelle haben wir angesetzt: Wie können wir Sie überraschen? Was ist der Trick? Und dann kam uns die Idee –«

»Ihnen und Zach.«

»Ganz richtig, Zach ist Zach Charboneau, mein langjähriger Partner. Uns kam die Idee: Was wäre, wenn es eine App gäbe, die genau das tut. Die uns sagt, was wir wollen, bevor wir es wollen? Und die haben wir dann gemacht.«

»Cool, cool«, sagte der Interviewer, der Gordon hieß. »Und können Sie uns erklären, wie sie funktioniert?«

»Liebend gern, Gordon. Ich führe Sie mal durch die User Experience. Sie laden sie runter, öffnen sie und bäm: Als Erstes sehen Sie ein Bild, ein Bild von etwas, das Sie vielleicht wollen. Es kann alles Mögliche sein. Sagen wir ein Stück Pizza. Hätten Sie gern ein Stück Pizza?«

»Immer.«

19

Sie lachten beide. »Nun, das ist einfach. Wenn Sie die Pizza sehen und zu dem Schluss kommen, dass Sie sie haben wollen? Dann wischen Sie nach rechts, und schon ist sie auf dem Weg zu Ihnen. Kinderleicht. Sie wollen sie nicht? Dann wischen Sie nach links, und etwas anderes erscheint. Vielleicht ein neues Hemd. Vielleicht ein Set zum Kerzenziehen. Vielleicht dieser russische Roman, den Sie schon seit dem College lesen wollen. Vielleicht ein Porno. Und vielleicht nicht irgendein Porno, sondern eine besonders schräge Art von Porno, von deren Existenz Sie bisher gar nichts wussten, alle tragen Zauberer-Umhänge oder so was, und vielleicht stehen Sie auf Zauberer-Pornos, aber wussten es noch nicht.«

»Woher weiß der Algorithmus, dass ich vielleicht darauf stehe?«

»Er weiß es nicht. Das ist entscheidend. MeWantThat weiß nichts über Sie. Es gibt kein Data-Mining, keine gesponserten Anzeigen. Alles, was MeWantThat über Sie lernt, lernt es direkt von Ihnen, von Ihren Entscheidungen, von diesem Frage- und Antwortspiel, das hoffentlich nie aufhört. Sie wischen einfach weiter, an den Dingen vorbei, die Sie nicht wollen, bis Sie unweigerlich auf etwas stoßen, bei dem Sie sagen: ›Ja! Das ist es! Ich wusste nicht, dass ich es will, aber ja: Das will ich!‹«

Gordon nickte beeindruckt, dann wandte er sich an die Kamera.

»Bill Quick, Entwickler von MeWantThat, der den Leuten gibt, was sie wollen, ehe sie wissen, was sie wollen«, sagte er, bevor er sich wieder an Bill wandte. »Und ich vermute, Sie wollen eine hohe Bewertung zum Börsengang?«

»Oh, die will ich, Gordon«, sagte Bill und knipste ein verlegenes Lächeln an. »Die will ich wirklich sehr.«

Und er bekam sie. Er bekam alles, denn alle liebten MeWantThat und nutzten es en masse, und er und Pitterpat wurden sehr reich.

20

Die Leute redeten mit Pitterpat ständig darüber, auf Partys, bei Abendessen und sonst wo, und sie bekundete überall, dass sie MeWantThat liebe und immerzu nutze. Was sie in Wahrheit nicht tat. Sie brauchte es nicht. Pitterpat war instinktiv außergewöhnlich gut im Wollen.

Pitterpat wollte und wollte und wollte, und warum auch nicht? Es gab so viel, und so wenig gehörte ihr, oder so wenig gehörte denen, für die sie es wollte, denn in ihrem Begehren war sie nicht egoistisch, sondern sich bewusst, dass die Verteilung von Zeug im Universum aus dem Gleichgewicht geraten war und angepasst werden musste. Sie wollte auf gute Weise. Sie machte eine Tätigkeit daraus. Die Lieblingspinnwand ihrer Pinterest-Seite war »Haben wollen«. Wenn sie etwas haben wollte, pinnte sie es dorthin. So konnte sie es mit ganzer Kraft wollen, dann Abstand davon nehmen, dann wiederkehren und daran erinnert werden: Das, Pitterpat, willst du haben.

Und die Dinge, die sie haben wollte, ach, wie sehr sie die wollte! Ein Hermès-Tuch, bedruckt mit einem Muster aus Tierkreiszeichen. Ein Strandhaus in Rhode Island, mit Mansardendach und Efeu. Eine Gruppe von alten Freundinnen, endlich wiedervereint. Eine Chinoiserie-Tapete von De Gournay, darauf ein Vogel im Kirschbaum. Diesen genau richtigen Blauton. Ein umfassendes Gesetz zur Waffenkontrolle. Zuckerhasen. Den Lippenstift, der nicht mehr hergestellt wird. Einen Jaguar Mark 2 von 1960. Ein Vorkriegsapartment an der Fifth Avenue. Ein Baby.

Wie ist es, etwas zu wollen? Tut es weh? Ist es wunderbar? Wollen Menschen wollen? Oder heißt wollen, nicht mehr wollen zu wollen?

Das Essen kam. Sie hatten Guactopus zum Teilen bestellt, Guacamole mit gegrilltem Oktopus, denn wenn man ins La Ballena ging, musste man Guactopus bestellen. Bill erzählte, wie er Guactopus im ursprünglichen La Ballena downtown entdeckt hatte.

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Er war als Geschworener bestellt worden und mit einem der anderen Geschworenen zum Mittagessen dorthin gegangen. Wie hieß der noch? Felix. Was war aus Felix geworden? Sie waren mal Facebook-Freunde gewesen. Ach, guck, waren sie immer noch. Ob er sich mal melden sollte? Wie auch immer, das war Jahre bevor irgendwelche Food-Blogs vom Guactopus Wind bekamen. Jetzt gab es ihn überall und aus gutem Grund: Es war ein sehr fotogenes Gericht. Guckt mal auf Insta, da findet ihr Tausende Guactopoda. Die Welt brauchte ganz bestimmt nicht noch einen, aber Pitterpat holte trotzdem ihr Handy raus.

»Moment«, sagte sie, »noch nicht anfangen.«

Alice legte einen Chip auf ihren leeren Teller. Pitterpat machte ein Foto, dann sicherheitshalber noch eins, dann richtete sie das Handy auf Alice wie eine Waffe.

»Und eins von dir!«

»Oh«, sagte Alice und lächelte schnell.

Klick. Pitterpat überprüfte das Bild. »Oooh, das ist süß! Ich schick’s dir.« Alice antwortete mit einem Lächeln. Dann machte Pitterpat ein trauriges Gesicht. »Das ist wirklich Mist mit deiner Wohnung, Alice. Aber was soll’s, nächstes Jahr um diese Zeit wohnst du eh im Studentenwohnheim, oder?«

»Warum?«

»Na, wenn du Medizin studierst«, rief Pitterpat ihr in Erinnerung. »Wie sieht’s denn aus damit?«

VORNAME:

»Ach so! Läuft super.«

Bill tauchte nach einem großen Schluck Margarita wieder auf. »Ich würde gern wieder studieren. Das wär ein Spaß!« Er sagte das so, als wäre ihm zwei Tische weiter eine brutzelnde Fajita-Pfanne aufgefallen und er überlegte, sich auch eine zu bestellen.

BING! Alice sah auf ihr Handy, und da war das Bild, das Pitterpat gerade gemacht hatte. Es verblüffte sie.

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Das Mädchen auf dem Bild sah glücklich aus. Ein breites überraschtes Lächeln, das Sonnenlicht auf den Sommersprossen warm und perfekt. Einen Moment lang fragte Alice sich, ob ihre Schwägerin ihr wahres Wesen eingefangen hatte, das sie sogar vor sich selbst verborgen hielt, im Kern Zufriedenheit und innere Ruhe. Dann fiel es ihr wieder ein: Das war nicht ihr wahres Wesen. Sie war nicht zufrieden. Sie ruhte nicht in sich.

Trotzdem speicherte sie das Foto. Es würde ein gutes Profilbild abgeben.


***


Es war warm und freundlich an diesem Nachmittag, und ein sanfter Wind wehte vom Hudson, weshalb die drei Quicks beschlossen, den Riverside Drive hochzulaufen, zu Bills und Pitterpats Wohnung an der Ecke 113th Street. Über ihnen wiegten sich die Baumkronen, die Sonne flirrte zwischen den Blättern. Bill hatte das Licht noch nie so wahrgenommen.

»Es ist merkwürdig, ihn so zu sehen«, sagte Alice. Sie und Pit gingen ein paar Schritte hinter Bill und unterhielten sich laut genug, dass er sie hören konnte.

»Ihn überhaupt zu sehen, meinst du?«

»Ja. Es ist merkwürdig, ihn überhaupt zu sehen.« Alice lachte.

»Ich genieße es, solange ich kann«, sagte Pit. »Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er eine neue Obsession findet und mich komplett ignoriert.«

Bill wandte sich um. »Das wird nicht passieren«, sagte er grinsend.

»Bitte«, sagte Alice. »Es ist doch genau dein Ding, immer von irgendwas besessen zu sein. MeWantThat war dein Ding, aber damit bist du durch, deshalb brauchst du eine neue Obsession.«

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»Ich brauche keine Obsession.«

»Und ob. Schon immer. In der Highschool war es Schlagzeug. Davor die Modelleisenbahn.«

Pitterpat prustete los. »Modelleisenbahn?«

»Eine kurze Leidenschaft«, sagte er. »Und ich brauche keine Obsession. Ich bin endgültig raus aus dem Hamsterrad. Endgültig.«

Sie gingen weiter. Pit wandte sich an Alice. »Und was machst du heute Nachmittag?«

»Ich gucke mir eine Wohnung an. Gar nicht weit von hier. Ecke 111th und Amsterdam.«

Das freute Pitterpat mehr, als Alice erwartet hätte. »Oh, wie toll! Dann werden wir Nachbarn! Du wirst das Viertel mögen. Es gibt zwar keine ausgezeichneten Restaurants, aber es gibt viele gute Restaurants, und manche der guten Restaurants sind eigentlich ziemlich ausgezeichnet.«

»Dachte ich mir schon.«

»Und der Riverside Park ist schön, und dass die Columbia in der Nähe ist, macht Spaß. Viel Lokalkolorit. Wie der Typ da.« Pitterpat zeigte auf einen jungen Mann auf der anderen Straßenseite, der südwärts an der Steinmauer des Riverside Park entlangging. Er war groß und bärig, mit langem schwarzem Haar, einem Bart und einem schwarzen Mantel, der an einem Tag wie diesem nicht angenehm sein konnte. »Den sehen wir dauernd. Bill nennt ihn Überallmann. Hast du ihn schon mal gesehen?«

»Nein«, sagte Alice.

»Na, mach dich drauf gefasst, denn das wirst du. Nicht nur in diesem Viertel. Wir sehen ihn überall in der Stadt. Einmal hab ich ihn im Battery Park gesehen.«

Als spürte er, dass über ihn geredet wurde, blickte Überallmann zu ihnen herüber, aber bevor Alice und Pitterpat verlegen lächeln konnten, heftete er den Blick schon wieder auf den Boden, tief in Gedanken, als würde er ein gewaltiges Problem wälzen.

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Alice fragte sich gerade, was es wohl sein mochte, als sie fast in Bill hineinlief, der stehen geblieben war.

Sie befanden sich vor einem kleinen Gebäude mit einer nichtssagenden Fassade, wie ein Stück einer alten Junior Highschool aus einer schlechten Dekade, fehl am Platz zwischen den Grandes Dames von Riverside in ihrer Beaux-Arts-Pracht. Lieblose Betonstufen führten zur Eingangstür hinauf, daneben eine große Terrasse. Das Gebäude wäre nicht weiter bemerkenswert gewesen, hätte von der Terrasse nicht die riesige grüne Bronzestatue eines mittelalterlichen buddhistischen Mönchs zu ihnen heruntergeschaut.

Das Schild unter der gewaltigen Statue erklärte, dass es sich um Shinran Shonin handelte, einen japanischen Mönch aus dem 12. Jahrhundert.

Sie blickten schweigend zu dem großen Mann auf. Nur das Atmen des Verkehrs war zu hören.

»Shinran Shonin«, sagte Bill schließlich. »Wie lange steht der schon da?«

Niemand wusste es.

»Ich wohne seit vier Jahren in der Gegend. Wie konnte mir Shinran Shonin entgehen?«

Auch das wusste niemand. Sie gingen weiter.


***


An der Ecke Riverside und 111th trennte sich Alice von den beiden, und während sie durch die Schwüle den Hügel hinaufstapfte, spürte sie, wie sich die vertraute Trübsal anschlich. Es war immer schön, ihren Bruder zu treffen. In seiner Gegenwart konnte sie lockerlassen. Sie mochte, wie mühelos er nette Worte fand und wie großzügig er war. Aber ein Nachmittag in seinem Glanz ließ sie immer mit einem Gefühl der Leere zurück. Er war erwachsen.

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Mehr als erwachsen. Er hatte schon eine ganze Karriere hinter sich und lebte nun praktisch als Privatier. Er hatte eine Frau und eine Wohnung und einen Portier. Alice hingegen war immer noch Nanny.

Auf der anderen Straßenseite tranken zwei Frauen in grüner OP-Kleidung Kaffee auf einer Terrasse.

Alice musste einfach Medizin studieren – das war alles. Sie war achtundzwanzig. Es war die letzte Gelegenheit, so etwas zu tun, die letzte Gelegenheit, so jemand zu sein. Bill und Pit würden bald ein Kind bekommen – sie hatten angedeutet, dass das schöne Projekt schon im Herbst starten könnte –, und sie würde sich für sie freuen, sie wäre eine begeisterte Tante, aber die Vorstellung, die Neuigkeiten zu erfahren, während sie selbst immer noch keinen Plan hatte, war einfach furchtbar.

Ich muss es machen, sagte sie zu sich selbst. Sofort. Gleich hier auf dem Gehweg in der Sonne, los geht’s.

Sie holte ihr Handy heraus, tippte das Lesezeichen an und öffnete das Formular.

VORNAME: »Alice.« Erledigt!

ZWEITER VORNAME: »Calliope.«

Ihr zweiter Vorname war griechisch, weil ihr Vater ein Faible für das antike Griechenland hatte. Wenn Alice als Kind etwas verschüttete oder kaputt machte, nannte ihre Mutter sie manchmal Alice Katastrophe Quick, was wehtat und die Distanz zwischen ihnen noch vergrößerte, auch wenn ihr Vater sich alle Mühe gab, »Katastrophe« als etwas Gutes und Erfreuliches zu verkaufen, was sie ihm nicht abnahm, aber er blieb dabei, ein Begriff aus dem griechischen Drama, schlag ihn nach. Ein Wort für eine gute Katastrophe. Wie hieß es noch? Alice googelte »Katastrophe«: der finale Baustein in der klassischen Konstruktion der Tragödie, der Protasis, Epitasis und Katastasis abbindet. Dann googelte sie »gute Katastrophe«, und da war es, das Wort, das ihr fast fünfzehn Jahre lang entfallen war:

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»Eukatastrophe«. Oi, Katastrophe! Die unerwartete Lösung eines unlösbaren Problems. Wird häufig mit deus ex machina verwechselt und deshalb oft abwertend verwendet, denn Gott kann nicht in einer Maschine stecken, das ist nicht real, so funktioniert das Leben nicht. An die Arbeit, Kälerfein.

ADRESSE: »345 East« – Moment, die galt bald nicht mehr. O nein. Was sollte sie für eine Adresse angeben? Vielleicht die von Bill, nur dies eine Mal. Oder vielleicht doch die alte. Irgendwann hätte sie was Neues, und die Post würde nachgeschickt werden, und in der Zwischenzeit – war es da zu viel verlangt, dass Kelly die Post einer heimatvertriebenen Freundin sammelte? Waren sie und Kelly überhaupt noch Freundinnen? Alice fiel auf, dass sie vergessen hatte, die Verlobung zu liken. Sie ging auf Facebook, um es gleich zu erledigen, doch dann entdeckte sie, dass sie auf einem Foto getaggt worden war. Ein altes Bild von ihr und ihrer Freundin Meredith, als sie vor einer Ewigkeit zusammen in der Carnegie Hall gespielt hatten. Meredith postete ständig so was, und es machte Alice verrückt. Da waren sie, Meredith mit ihrer Geige und Alice am Klavier, zwei kleine Mädchen in einem riesigen Raum, die Mienen so ernst und so bemüht, dem erwachsenen Moment gerecht zu werden. Gott, was war sie für ein entschlossenes kleines Ding gewesen. Nichts konnte sie aufhalten. Rachmaninow hatte es probiert, aber selbst er war gescheitert. Es war schwer, sich diese Bilder anzusehen. Noch schwerer, es bleiben zu lassen.

»Alice?«

Alice wachte vor der Eingangstreppe des Hauses 507 West 111th Street auf. Sie war die 111th bis zum Broadway gelaufen, dann aus Gewohnheit versehentlich in den Broadway eingebogen und runter zur 109th, hatte ihren Weg korrigiert und war die 109th bis zur Ecke Amsterdam gelaufen, dann die Amsterdam hoch, an Probley’s und der Bakery vorbei,

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und schließlich auf der 111th einen Viertelblock nach Westen, ohne einmal von ihrem Handy aufzublicken. War sie fast überfahren worden? Möglich. Aber irgendwie hatte sie ihr Ziel erreicht, und die rothaarige Frau, die gerade ihren Namen gesagt hatte, musste wohl die Person sein, wegen der sie hier war.

»Ja. Hi«, sagte Alice. »Bist du Roxy?«

Roxy signalisierte mit erhobenem Zeigefinger Warte kurz, als nun ihr Handy Aufmerksamkeit erforderte. Sie tippte, anscheinend etwas Wichtiges. So standen sie schweigend da, mindestens eine Minute lang, zwei Frauen vor der Eingangstür eines Gebäudes. Die Straße war ruhig. Die Gebäude, wenngleich massig und gleichförmig, hatten etwas charmant Altes an sich. Am Ende der Straße, jenseits der Amsterdam ragte die unvollendete Kathedrale Saint John the Divine grau empor. Alice erkannte sie wieder. Sie war schon mal daran vorbeigekommen, aber nie drinnen gewesen. Vielleicht würde sie mal hineingehen, wenn sie hier wohnte. Sie war seit Jahren in keiner Kirche mehr gewesen. Seit drei Jahren. Roxy tippte immer noch. Dreihundert Zeichen. Dreihundertfünfzig. Roxys Daumen waren wie die Pfoten eines kleinen Hundes bei einem strammen Spaziergang – verblüffend flink.

»Tut mir … echt …«, sagte sie, als sie auf »Senden« tippte und zu Alice hochsah, »… leid. Auch, dass ich zu spät bin. Jobsache. Ich arbeite für den Bürgermeister. Schon okay, wenn du ihn nicht magst.«

»Weil ich mögen werde, was er macht?«

Roxy nahm die kleine Anspielung auf den Bürgermeister zur Kenntnis, ohne zu lachen. »Genau. Ich mag ihn ehrlich gesagt auch nicht. Und auch nicht, was er macht. Alice, richtig?«

»Ja. Hi.«

»Hi. Ich mach mal kurz.«

Sie öffnete die Tür, und sie gingen rein.

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Alice wollte gerade die breite Eichentreppe am Ende des Korridors ansteuern, als Roxy sie aufhielt.

»Hier lang«, sagte sie und zeigte auf die kleine Tür zu der schmalen Treppe, die in den Keller führte.

»Sie ist im Keller?«

»Streng genommen sollte dort keine Wohnung sein«, entgegnete Roxy.

Am Fuß der Treppe schloss Roxy eine Tür auf. Alice dachte, wie cool es wäre, wenn hinter der Tür eine unglaubliche Wohnung wartete, eine dieser luxuriösen, aber gemütlichen Fluchten, die sich immer da befinden, wo man sie am wenigsten erwartet, in keiner Weise einem Keller ähnelnd. Das wäre so toll.

Aber nein. Die Tür gab knarrend einen feuchten, lichtlosen Raum frei. Sperrholzwände und Vorhänge vor den Lichtschächten hätten die Illusion fast aufrechterhalten, aber die kühle, muffige Luft verriet es. Es war ein Keller, der versuchte, eine Wohnung zu sein, und scheiterte.

Aber das war nicht das Erste, was Alice auffiel. Sondern das, was Roxy beiläufig als Erstes erwähnte, als handelte es sich um eine der üblichen Annehmlichkeiten kultivierter städtischer Behausungen. »Okay, also in der Küche gibt es einen blauen Baum.«

Mitten im Raum ragte vom Boden bis zur Decke ein meterdicker himmelblauer Eichenstamm auf.

»Wow«, sagte Alice, »was hat es denn damit auf sich?«

»Der gehört dazu«, war alles, was Roxy anzubieten hatte. Wenn es sie interessiert hätte, hätte sie herausfinden können, dass das Gebäude gut hundert Jahre zuvor um diesen Baum herumgebaut worden und er Teil der tragenden Konstruktion war. Im Verlauf der Jahre, während das Gebäude den typischen Lebenszyklus eines New Yorker Stadthauses durchlief – Renovierung, Verfall, Renovierung, Verfall –, war der Baum nach und nach aus den oberen Etagen entfernt worden.

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Nur im Keller verblieb ein letzter Rest der mächtigen Eiche und versperrte an jedem Punkt die Sicht von einer Küchenseite zur anderen. Der drei Meter hohe Stamm hatte stillschweigend die Jahrzehnte überdauert, zwischen Boilern und Rattenfallen, bis jemand mit Dollarzeichen in den Augen darauf gekommen war, die Räume illegal unterzuvermieten. Wände wurden eingezogen, Türen eingebaut, und der Baum wurde in der Farbe des Himmels gestrichen, den er nie wiedersehen würde.

Dies ist alles, was ich über den blauen Baum in Erfahrung bringen konnte: Brian Lanigan erwähnt ihn in seinen 1977 im Eigenverlag herausgebrachten Erinnerungen an seine Zeit an der Columbia University. Lanigan nennt keine Adresse, aber er beschreibt »eine charmante kleine Katakombe, die ich in jenem Sommer (1958) von einem Freund mietete, mit einem wundervollen blauen Baum, der in der Küche wuchs, vom Boden bis zur Decke und noch weiter«. In den Achtzigern findet sich keine Erwähnung, aber 1994 taucht er in einem Post auf einem der ersten Listserv-Boards auf, verfasst von einem Doktoranden der Computerwissenschaft, Jamil Webster: »Suche Mitbewohner Sout.-Whg. Nähe Campus 2 Schlafz. sep. EBK (m. blauem Baum) 650 mtl. Keine Partys bitte.« Gumby Fitch antwortete auf die Anzeige und wohnte daraufhin zwei Jahre mit Jamil zusammen. 2003 fing Abigail Davis, die Mieterin sechs Mieter vor Roxy, den blauen Baum endlich mit der Kamera ein, im Hintergrund dreier Bilder von sich und ihren Mitbewohnern Paul Malmstein und Rob DeWinter, die sie auf Friendster postete, mit der Überschrift »Vorglühen für die Abschlussfeier!!!«. Die Mitglieder dieses exklusiven Clubs, die Hüter des blauen Baums, hatten wenig gemein außer dem vagen Gefühl, etwas Besonderes zu sein, weil vermutlich niemand sonst in der Stadt ein Apartment mit einem blauen Baum in der Mitte hatte. Was stimmte. (Jedenfalls in Manhattan.

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Es gab einen blauen Baum in einer Kellerwohnung in Brooklyn, in der Ainslie Street. Aber den zählen wir nicht mit.)

Alice mochte den Baum sofort. Die Besichtigung ging weiter.

»Jedenfalls, das ist die Küche.« Roxy wies nachlässig hin, ohne von ihrem Handy hochzugucken. »Bad. Mein Zimmer. Dein Zimmer, falls sich nicht rausstellt, dass du verrückt bist.« Sie sah Alice endlich an. »Du bist doch nicht verrückt, oder?«

»Nicht auf gefährliche Art.«

Das gefiel Roxy. Jetzt sah sie sich Alice genauer an, nahm sie von oben bis unten unter die Lupe. »Woher kennen wir uns?«

»Ziggy Rosenblatt.«

»Du kennst Ziggy?«

»Ja, von Hawaii, als ich da gelebt habe. Ich meine, wir kennen uns nicht richtig gut. Wir sind Facebook-Freunde, was immer das bedeutet. Aber ich war auf der Suche nach einem Zimmer, und er hat zufällig deinen Post geteilt, dass du eine Mitbewohnerin suchst, und da habe ich gedacht …« Sie redete weiter, aber Roxy hörte nicht mehr zu, weil sie Ziggy schrieb, der an einem Strand auf der anderen Seite des Planeten gerade eine frühmorgendliche Surfstunde gab. Seine Schüler, vier blonde Jungs aus Deutschland, die anscheinend Brüder waren, hörten aufmerksam zu, als Ziggy wie so oft von der Surftechnik abschweifte und von der Kunst der Navigation erzählte, davon, wie die Polynesier Hawaii erreicht hatten.

...


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