Antworten im Milchkasten
1.
Es war Shotas Idee. Er berichtete den Jungs, er kenne eine super Hütte, wohin sie sich dünnemachen könnten.
»Wohin wir was?« Atsuya musterte den immer noch kindergesichtigen Shota amüsiert, der selbst das Gegenteil von dünn war.
»Na, dünnemachen, im Sinne von, du weißt schon, dünnemachen eben«, sagte der. »Ein perfektes Versteck meine ich damit. Ich bin zufällig darüber gestolpert, als ich die Gegend ausgecheckt hab. Wobei ich natürlich nicht ahnen konnte, dass wir es wirklich brauchen.«
»Sorry, ihr beiden«, unterbrach Kohei. Er beugte sich über den klapprigen Lexus neben ihnen, der keinen Mucks mehr machte. »Aber wie kann denn die Batterie einfach plötzlich leer sein?«
Atsuya seufzte. »Darüber jetzt nachzudenken, bringt doch nichts.«
»Nein, im Ernst. Es gab kein Warnsignal. Wir haben ja nicht das Licht angelassen oder so.«
»Ihre Zeit war einfach gekommen«, erklärte Shota feierlich. »Du hast doch den Kilometerstand gesehen, fast hundertsiebzigtausend. Die Karre ist uralt, die hat schon auf dem letzten Loch gepfiffen, als wir sie gefunden haben, und die Fahrt hierher hat ihr den Rest gegeben. Wie gesagt, wenn man schon ein Auto klaut, kann man genauso gut ein neues nehmen.«
Beleidigt verschränkte Kohei die Arme vor der Brust. »Aber neue Autos haben Alarmanlagen.«
»Jetzt hört schon auf! Shota, wo ist dieses Haus?«
Shota kniff die Augen zusammen. »Ungefähr zwanzig Minuten von hier, wenn wir uns beeilen.«
»Dann los. Geh du voraus.«
»Okay, aber was ist mit dem Wagen? Meinst du, man kann den hier so stehen lassen?«
Atsuya sah sich um. Sie standen auf einem Mietparkplatz mitten in einem Wohngebiet. Zwar hatten sie eine Lücke gefunden, aber wenn der rechtmäßige Mieter dieses Platzes es bemerkte, würde er mit Sicherheit die Polizei rufen.
»Nein, natürlich nicht, aber wir kriegen ihn hier ja schlecht weg. Ihr habt doch nichts angefasst, oder? Solange wir keine Fingerabdrücke hinterlassen, können sie uns nicht mit dem Auto in Verbindung bringen.«
»Der Rest ist Schicksal.«
»Genau das meine ich. Mehr können wir nicht tun.«
»Also gut, wollte mich nur vergewissern. Okay, mir nach.«
Shota schlurfte voran, und Atsuya folgte ihm, eine schwere Sporttasche in der Hand. Kohei holte die beiden ein.
»Hey, Atsuya, könnten wir uns nicht ein Taxi nehmen? Da vorn ist eine große Straße, früher oder später muss eins vorbeikommen.«
Atsuya schnaubte. »Wenn um diese Uhrzeit in dieser Gegend drei zwielichtige Kerle ein Taxi anhalten, wird sich der Fahrer auf jeden Fall erinnern. Dann wird ein Phantombild rausgegeben, und das war’s für uns, Game over.«
»Glaubst du echt, dass er richtig auf uns achtet? Er muss doch fahren.«
»Keine Ahnung, aber was, wenn doch? Selbst wenn er uns nur flüchtig sieht, was, wenn er einer von den Leuten ist, die sich einfach so – zack – ein Gesicht merken können?«
Ein paar Schritte schwieg Kohei, dann gab er kleinlaut nach. »Sorry.«
»Halt die Klappe und geh weiter.«
Sie setzten ihren Weg durch das Viertel fort. Die Straße lag hoch über der Stadt. Es war nach zwei Uhr. Die Häuser sahen alle gleich aus. Fast nirgendwo brannte Licht, aber sie konnten sich nicht erlauben aufzufallen. Wenn jemand sie reden hörte, würde vielleicht irgendwer bei der Polizei melden, dass drei Männer mitten in der Nacht Radau machten. Atsuya wollte den Eindruck erwecken, die Verbrecher wären mit dem gestohlenen Fahrzeug vom Tatort geflohen. Das setzte natürlich voraus, dass der geklaute Lexus nicht bemerkt wurde.
Anfangs ging es nur leicht bergab, nach einer Weile aber wurde der Hang steiler und die Bebauung weniger dicht.
»Hey, wie weit müssen wir denn noch?« Kohei war außer Atem.
Shota meinte, es sei nur noch ein Stückchen, aber sobald er das ausgesprochen hatte, blieb er wie angewurzelt stehen. Vor ihnen ragte das einzige Haus in Sichtweite auf, ein schlichter Holzbau mit einem Ladenlokal im Erdgeschoss.
Der Rollladen an der Vorderseite war heruntergelassen. Darin befand sich ein Briefschlitz, aber die Metallklappe war nicht beschriftet. Neben dem Haus stand eine kleine Garage.
»Ist es das?«, fragte Atsuya.
Shota musterte das Gebäude. »Sieht so aus.«
»Sieht so aus? Ja oder nein?«
»Doch, doch, alles gut, es hatte nur beim letzten Mal irgendwie eine andere, wie soll ich sagen, Ausstrahlung. Ich hätte schwören können, dass es ein bisschen neuer war oder so.«
»Du warst tagsüber hier, oder?«
»Stimmt. Daran muss es wohl liegen.«
Atsuya holte eine Taschenlampe heraus und leuchtete damit auf den Rollladen. Darüber hing ein Schild, offenbar mit dem Namen des Ladens darauf, aber er konnte gerade eben den Teil »Gemischtwaren« lesen.
»Gemischtwaren? Wer kommt denn extra zum Einkaufen hierher?«
»Niemand«, sagte Shota. »Deswegen hat er ja zu.«
»Klar. Also, wie kommen wir rein?«
»Hinten ist eine Tür. Das Schloss ist kaputt.«
Shota führte sie durch einen schmalen Durchgang zwischen dem Haus und der Garage. Er sah in den Himmel hinauf. Der Vollmond stand genau über ihnen.
Tatsächlich gab es eine Hintertür. Daneben hing ein kleiner Holzkasten an der Wand.
»Was ist das denn?«, murmelte Kohei.
»Hast du so was noch nie gesehen?«, fragte Atsuya. »Das ist ein Milchkasten. Für Warenlieferungen.«
»Wow.« Fasziniert betrachtete Kohei ihn.
Sie öffneten die Tür und traten ein. Es roch nicht unangenehm nach Staub.
In einer Art Windfang stand eine verbeulte, rostige Waschmaschine. Ein Paar dick eingestaubter Pantoffeln stand vor der Schwelle zur Wohnung auf einem Schuhregal. Mit einem übertrieben hohen Schritt stiegen die drei über die Pantoffeln und gingen hinein, ohne sich die Schuhe auszuziehen.
Sie landeten in einer Küche. Der Fußboden war aus Holz, unter den Fenstern standen ein Waschbecken und ein Gasherd. An der anderen Wand befand sich ein zweitüriger Kühlschrank. In der Raummitte gab es einen Tisch und Stühle.
Kohei öffnete den Kühlschrank. »Mist, nichts drin.«
»Natürlich nicht«, sagte Atsuya. »Was hast du denn gesucht, was zu essen?«
»Ich meine ja nur, er ist leer.«
Das nächste Zimmer war mit Tatami ausgelegt. Die Eigentümer hatten eine Kommode und einen buddhistischen Altar hinterlassen, und in einer Ecke waren quadratische Kissen aufgestapelt.
Es gab einen Wandschrank im Raum, aber keiner hatte es eilig, ihn zu öffnen.
Hinter dem Tatamizimmer lag der Laden. Mit seiner Taschenlampe leuchtete Atsuya durch die Tür. In den Regalen lagerten noch Schreibwaren, Küchenutensilien und Reinigungsprodukte, wenn auch spärlich.
»Bingo!« Shota, der in den Schubladen des Altarschranks gewühlt hatte, fand einige Votivkerzen und Halter. »Bringen wir doch mal ein bisschen Licht in die Angelegenheit.«
Mit einem Feuerzeug zündete er mehrere Kerzen an und verteilte sie im Raum. So war es hell genug, weshalb Atsuya die Taschenlampe ausschaltete.
»Puh!« Im Schneidersitz ließ Kohei sich auf den Boden fallen. »Jetzt müssen wir nur noch abwarten, bis es Morgen wird.«
Atsuya sah auf sein Handy. Kurz nach halb drei.
»Hey, seht mal, was ich gefunden habe.« Shota zerrte eine Zeitschrift aus der untersten Altarschublade. Sie sah aus wie ein altes Wochenmagazin.
»Gib mal her.« Atsuya nahm sie ihm aus der Hand und wischte den Staub vom Titelblatt. Er hätte schwören können, das Gesicht des in die Kamera lächelnden Covergirls schon einmal gesehen zu haben. Dann fiel es ihm ein – er kannte sie aus dem Fernsehen, sie spielte in mehreren Familienserien die Mutter. Mittlerweile musste sie Mitte sechzig sein, wenn nicht älter.
Er las das Erscheinungsjahr: 1973. Als er das laut aussprach, machten seine Freunde große Augen.
»Mann, wie es damals wohl war?«
Atsuya blätterte die Zeitschrift durch. Der Inhalt unterschied sich nicht sehr von heutigen Wochenmagazinen. »›Toilettenpapier und Putzmittel nach Hamsterkäufen knapp.‹ Hm, das habe ich schon mal irgendwo gehört.«
»Ich auch«, sagte Kohei. »Das muss während der Ölkrise gewesen sein.«
Jetzt schlug Atsuya das Inhaltsverzeichnis auf und blätterte dann zu den bunteren Seiten. Er hatte auf ein Aktfoto oder zumindest auf einen Bikini gehofft, fand aber nichts dergleichen.
»Seit wann wohnt hier denn niemand mehr?« Er stopfte die Zeitschrift zurück in die Altarschublade und sah sich erneut im Raum um. »Es liegen noch Waren in den Regalen, und die Küchengeräte haben sie auch nicht mitgenommen. Sieht aus, als hätten sie es eilig gehabt.«
»Pleite«, folgerte Shota. »Garantiert. Die Kunden bleiben aus, die Schulden steigen. Eines Nachts packen sie einfach klammheimlich ihre Sachen und hauen ab. Oder so in der Art.«
»Kann schon sein.«
»Ich hab Hunger«, jammerte Kohei. »Ob es wohl einen Laden in der Nähe gibt?«
»Und selbst wenn«, sagte Atsuya, »du gehst da nicht hin. Bis zum Morgen können wir hier nicht weg. Schlaf einfach. Dann geht es schnell vorbei.«
Kohei zuckte die Achseln und schlang die Arme um seine Knie. »Aber wenn ich solchen Hunger hab, kann ich nicht einschlafen.«
»Ja, und wer will es sich in dem Durcheinander hier schon gemütlich machen?«, meinte Shota. »Wir sollten uns wenigstens eine Unterlage besorgen.«
»Warte mal kurz.« Atsuya sprang auf und ging mit seiner Taschenlampe in das Ladenlokal. Auf der Suche nach Plastikfolie oder einer Plane ließ er den Lichtkegel über die Regale schweifen.
Er fand eine Rolle des faserigen Papiers, das man für Schiebetüren benutzt. Immer noch besser, als sich auf den blanken Fußboden zu legen. Als er allerdings nach der Rolle griff, erstarrte er. Hinter ihm schepperte etwas.
Er wirbelte herum und sah einen weißen Gegenstand in einen dicht am Rollladen stehenden Pappkarton gleiten. Vorsichtig leuchtete er hinein. Es war ein Briefumschlag.
Schlagartig wurde ihm heiß. Unmöglich, dass um diese Uhrzeit Post in diesem verlassenen Haus zugestellt wurde. Jemand musste extra hergekommen sein, was bedeutete, dass dieser Jemand von ihrer Anwesenheit wusste und ihnen etwas mitzuteilen hatte.
Atsuya holte tief Luft und klappte mit dem Zeigefinger den Deckel des Briefschlitzes auf, um einen Blick nach draußen zu riskieren. Er rechnete fest damit, dass das Haus von Streifenwagen umstellt war, aber zu seiner Überraschung sah er nur das nächtliche Schwarz, keine Spur von irgendeinem Menschen.
Etwas erleichtert holte er den Umschlag aus dem Karton. Die Vorderseite war leer, hinten aber stand in schnörkeliger Schrift »Mondhase« darauf.
Mit dem Umschlag in der Hand ging Atsuya zurück in das Tatamizimmer. Als er den anderen den seltsamen Absender zeigte, wurden sie blass.
»Was zum Henker ist das?«, fragte Shota. »Bitte sagt mir, dass der schon hier war, als wir gekommen sind.«
»Nein, der wurde gerade durch den Briefschlitz geworfen. Ich hab es selbst gesehen. Und hier, der Umschlag ist neu, stimmt’s? Wäre er schon länger hier, müsste er doch eingestaubt sein, wie alles andere.«
Der schlaksige Kohei machte sich so klein wie möglich. »Wetten, das waren die Bullen?«
»Das dachte ich auch erst, aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Die haben doch keine Zeit für solche Spielchen.«
»Stimmt«, sagte Shota. »Und die würden niemals einen Brief mit Mondhase unterschreiben.«
»Aber von wem ist er dann?« Kohei runzelte die Stirn. In seinen braunen Augen lag ein verunsicherter Ausdruck.
Eingehend untersuchte Atsuya den Umschlag. Dem Gewicht nach mussten sich mehrere Seiten darin befinden. Wenn es also ein Brief war, dann ein langer. Was um alles in der Welt konnte darin stehen? »Nein.« Er schüttelte den Kopf. »Der kann unmöglich für uns sein.«
Seine Freunde sahen ihn ungläubig an.
»Kommt schon, denkt doch mal nach. Seit wann sind wir denn hier? Einen kurzen Zettel könnte ich ja verstehen, aber ein ganzer Brief dauert doch mindestens eine halbe Stunde.«
»Stimmt«, räumte Shota ein. »Wenn du es so formulierst. Vielleicht ist es aber gar keiner.«
»Auch wieder wahr.« Erneut betrachtete Atsuya den Umschlag. Er war zugeklebt. Atsuya schob beide Daumen unter die Kante.
»Hey, was machst du denn da?«
»Machen wir ihn einfach auf. Dann ist die Angelegenheit schnell geklärt.«
»Aber er ist nicht an uns adressiert«, wandte Kohei ein. »Wir dürfen ihn nicht einfach so lesen.«
»Warum nicht? Er ist an niemanden adressiert.«
Mit den Handschuhen riss Atsuya den Umschlag auf, bohrte einen Finger hinein und zog mehrere Blätter heraus, die dicht mit blauer Tinte beschrieben waren. Das erste Wort lautete »bitte«.
»Was zum …«
Shota und Kohei sahen ihm beim Lesen über die Schulter.
Es war kein normaler Brief.
Bitte entschuldigen Sie meine unvermittelte Anfrage. Für diesen Brief nenne ich mich Mondhase. Ich bin eine Frau, aber mehr kann ich leider nicht sagen, auch meinen echten Namen nicht. Ich hoffe, Sie verzeihen mir.
Ich bin Sportlerin, Genaueres darf ich nicht sagen. Ich möchte nicht eingebildet klingen, aber in meiner Disziplin gehöre ich zu den Besten. Genauer gesagt, stehe ich in der engeren Auswahl, Japan bei den Olympischen Spielen nächstes Jahr zu vertreten.
Wenn ich Ihnen die Sportart verraten würde, kämen nur noch sehr wenige Menschen infrage, da wir nicht so viele sind, aber die Olympischen Spiele muss ich zumindest erwähnen, sonst könnte ich mein Dilemma nicht erklären. Ich bitte um Ihr Verständnis.
Es gibt einen Mann in meinem Leben. Einen Mann, den ich liebe. Er versteht mich besser, als jeder andere es je könnte. Er ist mein Partner und mein größter Fan. Mehr als alles andere auf der Welt wünscht er sich, dass ich an den Spielen teilnehme. Er hat sogar gesagt, dafür würde er jedes Opfer bringen. Sowohl physisch als auch psychisch hat er mir mehr geholfen, als Sie ahnen können. Dass ich es so weit gebracht habe, ist mehr seinem Einsatz zu verdanken als meinem eigenen. Durch ihn stehe ich die mörderischsten Trainingseinheiten durch. Mittlerweile sehe ich die Spiele weniger als persönliches Ziel denn als Weg, um ihm meine Dankbarkeit für alles, was er getan hat, zu zeigen.
Eine Zeit lang war ich sicher, dass es klappen würde, doch eines Tages verwandelte sich das, was wie ein bald in Erfüllung gehender Traum gewirkt hatte, in einen Albtraum. Mein Freund wurde krank, und als der Arzt mir erklärte, woran er litt, wurde alles um mich herum schwarz. Es war Krebs.
Der Arzt im Krankenhaus erklärte mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit, dass es kaum eine Chance auf Genesung gebe und mein Freund nur noch sechs Monate zu leben habe. Ihm selbst hat noch niemand gesagt, was los ist, aber ich ahne, dass er Bescheid weiß.
Von seinem Krankenbett aus redet er mir zu, mir keine Sorgen um seinen Zustand zu machen, die jetzige Phase sei entscheidend, ich müsse mich anstrengen und mich gegen die Konkurrenz durchsetzen. Und er hat recht. Mein Terminkalender ist vollgepackt mit intensiven Trainingseinheiten und Auslandsaufenthalten. Um für die Spiele ausgewählt zu werden, muss ich absolut alles geben. Vom Verstand her ist mir das klar.
Gleichzeitig gibt es aber Momente, sehr viele Momente, in denen mir der Wettbewerb ganz egal ist und ich nur bei ihm sein möchte. Dann würde ich am liebsten das ganze Training vergessen, zu ihm fahren und mich um ihn kümmern. Ein einziges Mal habe ich das Thema angesprochen, aber da hat er ein so trauriges Gesicht gemacht, dass ich fast weinen muss, wenn ich nur davon schreibe. Er sagte: »So was darfst du gar nicht denken, du musst es schaffen, nimm mir das nicht weg. Egal, wie schlimm es wird, ich kann nicht sterben, ich werde nicht sterben, bis ich dich auf dieser Bühne sehe. Es ist mein Traum, das zu erleben.« Ich musste ihm versprechen weiterzumachen.
Bisher habe ich niemandem erzählt, woran genau er leidet. Wir haben vor, nach den Olympischen Spielen zu heiraten, aber unsere Familien wissen noch nichts davon.
Da ich keine Ahnung habe, was ich tun soll, fühle ich mich wie gelähmt. Ich kann mich nicht auf meinen Sport konzentrieren und bringe, wenig überraschend, keine Leistung. Mich quält der Gedanke, dass ich, wenn das so weitergeht, genauso gut gleich das Training einstellen kann, nur wenn ich mir seine untröstliche Miene vorstelle, weiß ich, dass ich das niemals durchziehen könnte.
Herr Namiya, ich hörte, was sich die Leute von Ihrem Laden erzählen. Ich weiß, es ist eine schwache Hoffnung, aber ich habe mich entschlossen, Ihnen zu schreiben, für den unwahrscheinlichen Fall, dass Sie mir einen Rat geben können. So oder so ist es besser, als alles in mich hineinzufressen.
Ich lege einen Umschlag für Ihre Antwort bei. Bitte helfen Sie mir, wenn Sie können.
Mondhase
2.
Als sie den Brief zu Ende gelesen hatten, sahen die drei einander an.
»Was soll das denn?« Shota war der Erste, der das Wort ergriff. »Warum schreibt die uns so einen Brief?«
»Sie steckt in der Klemme«, meinte Kohei. »Steht doch da.«
»Lesen kann ich auch«, entgegnete Shota. »Was ich wissen will, ist, wie sie auf die irre Idee kommt, in einem Gemischtwarenladen um Rat zu bitten? In einem geschlossenen noch dazu.«
»Warum fragst du mich das?«
»Ich frag dich nicht, das war rhetorisch gemeint. Aber mal im Ernst, warum?«
Atsuya hielt sich raus und spähte unterdessen in den Umschlag. Darin lag gefaltet ein weiterer Umschlag, beschriftet mit schwarzem Filzstift. Statt einer Adresse stand »Mondhase« darauf.
»Was ist denn das?«, fragte er schließlich. »Ich glaube nicht, dass das nur ein dummer Scherz ist. Sie bittet wirklich um Hilfe. Und sie klingt auch echt bedrückt.«
»Wahrscheinlich hat sie das falsche Geschäft erwischt«, vermutete Shota. »Bestimmt gibt es irgendwo einen anderen Laden, der Ratschläge erteilt, und sie hat die Namen verwechselt. Wie heißt der hier überhaupt?«
Atsuya nahm die Taschenlampe und stand auf. »Ich seh mal nach.«
Er ging durch die Hintertür hinaus, um das Haus herum zur Vorderseite und leuchtete auf das schmutzige Schild.
Er kniff die Augen zusammen. Wegen der abgeblätterten Farbe waren die Buchstaben schlecht zu erkennen, aber er war ziemlich sicher, vor dem Wort Gemischtwaren »Namiya« entziffern zu können.
Als er wieder bei den anderen war, berichtete er.
»Dann ist tatsächlich der hier gemeint.« Shota zuckte die Achseln. »Sie muss mit einer Antwort rechnen, wenn sie hier einen Brief einwirft.«
»Vielleicht ist sie beim falschen Namiya gelandet«, überlegte Kohei. »Der richtige Namiya ist woanders, aber weil die Namen gleich sind, ist sie versehentlich hergekommen.«
»Auf keinen Fall. Man kann das Schild ja kaum lesen, sie muss irgendwie anders gewusst haben, wohin sie will.
Außerdem …«, Atsuya holte sich die Zeitschrift wieder. »Mir kommt er auch bekannt vor.«
»Wer?«, fragte Shota.
»Der Name Namiya. Ich glaube, hier drin stand er.«
»Hä?«
Atsuya schlug das Inhaltsverzeichnis auf und überflog die Seite. Blitzschnell hatte er die Stelle gefunden: »Namiya Gemischtwaren – Der Kasten für Ihren Kummer«.
Er blätterte zum Artikel vor.
Dieses kleine Geschäft hat sich den Ruf erarbeitet, Antworten auf die schwierigsten Fragen des Lebens zu geben.
Wenn man abends bei Namiya Gemischtwaren einen Brief durch den Schlitz im Rollladen steckt, wartet am nächsten Morgen eine Antwort im Milchkasten hinter dem Haus.
Der Eigentümer, Yuji Namiya, ein fröhlicher Mann von zweiundsiebzig Jahren, erzählt uns, wie es dazu kam.
»Es fing mit ein paar Kindern aus der Nachbarschaft an. Sie riefen immer ›Nicht verzagen, Namiya fragen‹, aus Spaß, weil auf meinem Schild steht: ›Brauchen Sie Hilfe? Fragen genügt.‹ Also kamen irgendwann einige von ihnen vorbei und meinten: ›Herr Namiya, ich hätte mal eine Frage.‹ Und ich antwortete, klar, fragt mich, was ihr wollt. Zuerst war es nur Unsinn, so wie: ›Herr Namiya, wie kriegt man lauter Einser, ohne zu lernen?‹ Solche Sachen.
Aber als ich ihre Fragen ernst nahm und versuchte, vernünftige Antworten zu geben, wurden sie immer vielschichtiger. Persönliche Dinge, zum Beispiel, dass ihre Eltern sich ständig stritten. Um die Privatsphäre zu wahren, beschloss ich, sie die Fragen durch den Briefschlitz werfen und die Antworten im Milchkasten abholen zu lassen. Das war der Zeitpunkt, an dem sich erstmals auch Erwachsene an mich wandten. Ich weiß zwar nicht, warum jemand Ratschläge von einem alten Kerl wie mir möchte, aber ich gebe mir große Mühe, jedes Problem zu durchdenken und eine Lösung vorzuschlagen.«
Auf die Frage, um welches Thema es am häufigsten gehe, sagte Namiya, im Großen und Ganzen um die Liebe.
»Aber die sind natürlich auch am schwersten zu beantworten.« Was Herrn Namiya manchmal fast verzagen lässt.
Der Artikel enthielt ein Foto, eindeutig eine Innenaufnahme des Geschäfts. Im Vordergrund stand ein kleiner alter Mann.
»Ein Laden, in dem es Ratschläge gibt?«, fragte Atsuya. »Die Zeitschrift liegt hier doch nicht aus Versehen. Die hat er extra aufgehoben. Moment mal.« Atsuya geriet auf einmal ins Staunen. »Könnte es sein, dass immer noch Leute mit Fragen kommen? Ich meine, das ist jetzt vierzig Jahre her.« Er sah auf den Brief von Mondhase.
Shota nahm ihn in die Hand. »Sie schreibt, sie hat die Gerüchte über Namiya gehört.
Klingt so, als hätte sie erst kürzlich davon erfahren. Was bedeutet, dass immer noch davon gesprochen wird.«
Atsuya verschränkte die Arme. »Offenbar. Wie behämmert.«
»Sie muss es von irgendeinem debilen alten Knacker gehört haben«, sagte Kohei. »Jemand, der keine Ahnung hat, was mit dem Laden los ist, und Mondhase hergeschickt hat.«
»Auf keinen Fall. Selbst wenn, sie hätte doch sofort gemerkt, dass was nicht stimmt. Das Haus steht seit Jahren leer, das sieht man schon von Weitem.«
»Na gut, dann muss Mondhase eben verrückt sein. Vor lauter Sorgen ist sie neurotisch geworden.«
Atsuya schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, dass Verrückte so was schreiben.«
»Aber was dann?«
»Das überlege ich ja gerade.«
»Oder vielleicht«, meinte Shota, »läuft sie noch.«
Atsuya sah ihn an. »Was läuft noch?«
»Na, diese ganze Geschichte mit den Ratschlägen. Wir stecken mittendrin.«
»Mittendrin? Das kapiere ich nicht.«
»Vielleicht wohnt hier keiner mehr, aber Fragen werden noch beantwortet. Der alte Mann könnte inzwischen woanders leben und ab und zu vorbeikommen, Briefe abholen und die Antworten in den Milchkasten legen. Das würde es erklären.«
»Stimmt, aber dazu müsste er auch noch am Leben sein. Dann wäre er jetzt über hundertzehn.«
»Vielleicht hat er irgendeinen Nachfolger.«
»Kann sein, nur gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass jemand hier war.«
»Weil man dafür nicht ins Haus kommen muss. Vielleicht kann man die Briefe holen, indem man den Rollladen hochhebt.«
Shotas Theorie klang plausibel. Also gingen die drei nach draußen, um sie nachzuprüfen. Der Rollladen war von innen festgeschweißt, demnach von außen unmöglich zu öffnen.
»Mist«, sagte Shota. »Was zum Henker ist hier los?«
Sie kehrten in das Tatamizimmer zurück, und Atsuya las Mondhases Brief noch einmal genau durch.
»Was sollen wir jetzt machen?«, fragte Shota ihn.
»Keine Sorge, wir sind morgen früh hier weg.« Atsuya steckte den Brief in den Umschlag zurück und ließ ihn auf den Boden fallen.
Einen Moment lang blieb es still. Man konnte den Wind draußen hören. Die Kerzenflamme zuckte.
»Und was soll sie jetzt machen?«, platzte Kohei heraus.
»Weshalb?«, fragte Atsuya.
»Na ja, wegen Olympia. Hört sie auf oder was?«
Wahrscheinlich, bedeutete Atsuya durch ein Kopfschütteln.
»Das kann sie aber doch nicht einfach so«, sagte Shota. »Oder? Es ist der Traum ihres Freundes, sie dort zu erleben.«
»Aber der Mann, den sie liebt, liegt im Sterben.« Ausnahmsweise widersprach Kohei. »Wie soll sie dabei trainieren? Es ist besser, wenn sie zusammen sind. Sicher will ihr Freund das eigentlich auch.«
»Entschuldige mal. Er kämpft darum, so lange am Leben zu bleiben, bis er sie dort glänzen sehen kann. Selbst wenn er am Tag danach stirbt, er will dabei sein. Wenn sie jetzt einfach aufgibt, hat er keinen Grund mehr weiterzuleben.«
»Aber lies doch, hier steht, sie kann sich nicht konzentrieren. Wie soll sie es so schaffen? Solange die beiden nicht zusammen sind, wird sein Traum nie wahr werden, und alles bricht auseinander.«
»Deshalb muss sie trainieren, als würde ihr Leben davon abhängen. Für Sorgen bleibt keine Zeit. Um ihrer beider willen hat sie keine Wahl, sie muss üben wie verrückt und sich diesen Platz in der Olympiamannschaft sichern.«
»Ich weiß nicht.« Kohei verzog das Gesicht. »Das könnte ich nicht.«
»Von dir verlangt es ja auch keiner. Wir sprechen von Mondhase.«
»Schon, aber ich kann doch niemandem was raten, was ich selbst nicht tun würde. Wie ist es mit dir, Shota? Könntest du das?«
Koheis Frage erwischte Shota auf dem falschen Fuß, und er wandte sich schmollend an Atsuya: »Was ist mit dir?«
Atsuya sah seinen Freunden in die Augen. »Worüber genau diskutiert ihr eigentlich? Das alles geht uns nichts an.«
»Okay, aber was machen wir jetzt mit dem Brief?«, wollte Kohei wissen.
»Machen? Was gibt es da zu machen?«
»Irgendwas müssen wir doch sagen. Wir können ihn nicht einfach ignorieren.«
»Hä?« Atsuya sah Kohei böse an. »Hast du etwa vor, was zu schreiben?«
Kohei nickte. »Ich finde, wir sollten. Immerhin haben wir ihn gelesen.«
»Komm schon. Hier wohnt niemand. Sie ist selbst schuld, wenn sie einen Brief in so eine Hütte wirft. Ist doch klar, dass niemand antwortet. Stimmt’s, Shota?«
Der strich sich übers Kinn. »Tja, wenn du es so sagst.«
»Also? Vergesst das Ganze. Verschwenden wir nicht unsere Zeit.« Atsuya verschwand in den Ladenraum und kam mit ein paar Rollen Shoji-Papier zurück, die er unter ihnen aufteilte. »Hier, darauf könnt ihr schlafen.«
»Danke«, sagte Shota.
»Danke«, sagte auch Kohei.
Atsuya rollte sein Papier aus und legte sich vorsichtig hin. Er schloss die Augen und versuchte einzuschlafen, bemerkte aber, dass die anderen beiden sich überhaupt nicht bewegt hatten. Also schlug er die Augen wieder auf und hob den Kopf.
Shota und Kohei saßen im Schneidersitz da, ihre Rollen an die Brust gepresst.
»Vielleicht könnte er ja mitfahren«, murmelte Kohei.
»Wer?«, fragte Shota.
»Na, der Freund. Der kranke Mann. Er könnte in ihrer Unterkunft wohnen. So könnten sie die ganze Zeit zusammen sein, und sie kann trotzdem trainieren und ihre Spiele machen.«
»Das funktioniert nicht. Der Mann ist schwer krank. Er hat nur noch sechs Monate zu leben.«
»Vielleicht kann er ja trotzdem noch laufen. Wer weiß. Oder er könnte sogar im Rollstuhl mitfahren, warum nicht?«
»Wenn das ginge, bräuchte sie keinen Rat. Garantiert ist er ans Bett gefesselt und kann sich überhaupt nicht bewegen.«
»Kann sein, ja.«
»Bestimmt, okay?«
»Hey«, brüllte Atsuya. »Seid ihr jetzt bald fertig? Ich hab doch gesagt, vergesst es einfach.«
Die beiden verstummten und ließen die Köpfe hängen, aber kurz darauf nahm Shota noch einen Anlauf. »Ich weiß, was du meinst, Atsuya, aber ich kann es nicht einfach so auf sich beruhen lassen. Mondhase klingt echt bedrückt, ich möchte irgendwie was tun.«
Mit einem Schnauben setzte Atsuya sich auf. »Du? Was tun? Da muss ich ja lachen. Was können wir denn schon tun? Kein Geld, keine Schulbildung, keine Beziehungen. Auf mehr als auf eine Karriere als Kleinkriminelle können wir doch niemals hoffen. Und nicht mal das kriegen wir richtig hin. An dem Tag, als wir endlich mal was klauen, was man auch weiterverscherbeln kann, gibt unser Fluchtauto den Geist auf, und wir landen in diesem Schweinestall. Ausgerechnet wir sollen anderen Leuten Ratschläge erteilen?«
Bei Atsuyas Standpauke senkte Shota den Kopf wieder.
»Geht einfach schlafen«, sagte Atsuya.
»Morgen früh wird der Zug randvoll mit Pendlern sein. Wir mischen uns unters Volk und hauen ab.« Er legte sich wieder hin.
Daraufhin rollte Shota endlich sein Papier aus, wenn auch sehr langsam.
»Du-hu?«, sagte Kohei zögerlich. »Hast du Lust, was zu schreiben?«
»Was denn schreiben?«, fragte Shota.
»Ich meine zurückschreiben. Wir können sie nicht so in der Luft hängen lassen.«
»Du Trottel«, sagte Atsuya. »Warum steigerst du dich da so rein?«
»Alles ist besser als nichts zu tun. Ich bin sicher, dass sie schon froh wäre, wenn jemand zuhört. Das würde doch jedem so gehen. Niemanden zu haben, dem sie sich anvertrauen kann, muss sie doch fertigmachen. Selbst wenn wir ihr keinen guten Rat geben können, können wir ihr doch zumindest Bescheid geben, dass wir den Brief bekommen haben und ihr die Daumen drücken.«
Atsuya verdrehte die Augen. »Von mir aus. Macht, was ihr wollt. Mann, wie blöd kann man sein?«
Kohei stand auf. »Wir brauchen was zu schreiben.«
»Ich glaube, ich hab draußen Briefpapier gesehen.«
Zu zweit gingen sie nach vorn, stöberten eine Weile herum und traten dann wieder in das Tatamizimmer.
»Habt ihr was gefunden?«, fragte Atsuya.
»Ja«, gab Kohei zurück. »Die Filzstifte waren zwar alle ausgetrocknet, aber ein Kuli funktioniert noch. Papier gab es auch.« Er wirkte begeistert.
Mit dem Stift und dem Papier ging er in die Küche und setzte sich an den Tisch. »Okay, was sollen wir schreiben?«
»Hast du doch gerade gesagt, du Idiot. Wir haben deinen Brief gekriegt, wir drücken dir die Daumen. Schreib das.«
»Weiß nicht, ist das nicht ein bisschen knapp?«
Atsuya schnalzte mit der Zunge. »Wie du meinst.«
»Wie wär’s mit dem, was du vorhin vorgeschlagen hast?«, fragte Shota. »Dass sie ihren Freund mitnimmt.«
»Du warst doch derjenige, der meinte, dass sie uns nicht um Rat bitten müsste, wenn das ginge, oder?«
»Ja, schon, aber vielleicht könnten wir nachfragen, nur zur Sicherheit.«
Kohei wandte sich an Atsuya. »Was meinst du?«
»Lass mich bloß damit in Ruhe.«
Kohei nahm den Stift in die Hand, doch ehe er zu schreiben begann, sah er Atsuya und Shota an. »Wie fängt man am besten an?«
»Ach ja, die Anrede«, sagte Shota. »Wie wäre es mit ›Liebes Fräulein Mondhase‹. Oder auch: ›Guten Tag, Fräulein Mondhase.‹ Obwohl ich, ehrlich gesagt, nicht glaube, dass so was nötig ist, sie hat auch nichts in der Art geschrieben. Tu einfach so, als würdest du ihr eine Nachricht auf dem Smartphone schreiben.«
»Nachricht. Alles klar. Gut. Danke für die Nachricht … äh … den Brief …«
»Nicht laut mitsprechen«, stöhnte Shota.
Atsuya hörte jeden Strich, den Kohei malte, so fest drückte er auf.
»Fertig!«, verkündete Kohei ein paar Minuten später und kam mit dem Zettel ins Tatamizimmer.
Shota warf einen Blick darauf. »Du hast vielleicht eine Sauklaue.«
Atsuya warf ebenfalls einen Blick darauf. Es sah wirklich sehr schlampig aus.
danke für den brief, klingt, als hätten sies grade ziemlich schwer. ich verstehe, warum sie durcheinander sind. ich dachte mir, sie könnten ihren freund doch mitnehmen, wenn sie wegfahren? sorry, was besseres fällt mir nicht ein.
»Gut so?«, fragte Kohei.
»Ja, passt«, erwiderte Shota. »Oder?«
»Mir doch egal«, sagte Atsuya.
Kohei faltete das Blatt säuberlich und steckte es in den Umschlag, den Mondhase mitgeschickt hatte. »Ich werfe ihn in den Milchkasten.« Damit ging er nach draußen.
Atsuya seufzte tief auf.
»Was zum Henker denkt er sich dabei, jemandem Ratschläge zu erteilen, den er überhaupt nicht kennt? Er hat sogar dich angestachelt. Also echt, Shota!«
»Lass mich in Ruhe. Warum sollten wir so was nicht wenigstens einmal machen können?«
»Einmal?«
»Wann hat uns zuletzt jemand um Rat gebeten? Ach, stimmt ja, noch nie. Und wahrscheinlich kommt es auch in unserem ganzen Leben nicht wieder vor.
Das ist unsere erste und einzige Chance. Ergreifen wir sie doch einfach, nur dieses eine Mal.«
Erneut stieß Atsuya sein typisches Schnauben aus. »Vergiss nicht, wer du bist.«
Da kam Kohei zurück. »Der Deckel von dem alten Kasten war ganz schön störrisch. Ist offenbar schon lange nicht mehr aufgeklappt worden.«
»Ach nee. Der Milchmann wird ja wohl auch kaum …« Atsuya stockte. »Kohei, wo sind deine Handschuhe?«
»Die Handschuhe? Da drüben.« Er zeigte auf den Tisch.
»Wann hast du sie ausgezogen?«
»Als ich den Brief geschrieben habe. Mit Handschuhen geht das echt schl…«
»Du Vollpfosten. Auf dem Papier wimmelt es jetzt wahrscheinlich von Fingerabdrücken.«
»Fingerabdrücke? Was hab ich denn getan?«
Am liebsten hätte Atsuya ihm in das ahnungslose Gesicht geschlagen. »Ist doch völlig egal, früher oder später finden die Bullen raus, dass sich jemand hier versteckt hat. Was, wenn ›Mondhase‹ die Antwort nicht abholt? Wenn sie deine Abdrücke durch den Computer jagen, bist du erledigt. Du bist doch schon erfasst, oder? Wegen des Strafzettels?«
»Ja, stimmt.«
»Deshalb sag ich schon die ganze Zeit, halt den Ball flach.«
Atsuya schnappte sich die Taschenlampe und lief mit großen Schritten durch die Küche zur Hintertür.
Der Deckel des Milchkastens war fest geschlossen. Störrisch, wie Kohei gesagt hatte. Als es ihm schließlich gelungen war, ihn aufzustemmen, und er mit der Taschenlampe hineinleuchtete, war er leer.
Er steckte den Kopf durch die Tür und rief: »Hey, Kohei, wo hast du ihn hingetan?«
Kohei kam zu ihm und zog sich im Gehen die Handschuhe an. »In den Kasten.«
»Da ist er nicht.«
»Kann nicht sein.«
»Vielleicht ist er danebengerutscht.«
»Nein, auf keinen Fall! Er war drin, ganz sicher.«
»Und wo ist er dann jetzt?«
Kohei zuckte die Achseln. Schritte waren zu hören, und heraus kam Shota.
»Ist was?«, fragte Atsuya.
»Vorne im Laden war ein Geräusch, deshalb hab ich nachgesehen, und unter dem Briefschlitz hab ich das hier gefunden.« Shota streckte ihm einen weiteren Umschlag entgegen. Er war blass um die Nase.
Atsuya hielt den Atem an und schaltete die Taschenlampe aus. Auf Zehenspitzen schlich er zum Ende des Durchgangs und spähte auf die Straße vor dem Geschäft.
Doch da war niemand. Weder jetzt noch vor ein paar Minuten.
...