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Ullstein-27.06.2024

Das Date


Es ist ein Stefan. Mal wieder. Yasira sitzt an einem verregneten Herbstabend im Hard Rock Café am Ku’damm, und ihr gegenüber hockt ein Stefan. Ihr Date. Tinder natürlich.

Ein Rendezvous am Mittwoch. Warum auch nicht? Warum bitte soll sie ihr gesamtes Privatleben aufs Wochenende legen? Nur um dann aufs Neue feststellen zu dürfen, dass sie doch samstags arbeiten muss.

Als Stefan am Telefon das Hard Rock Café vorschlug, musste sich Yasira sehr beherrschen, nicht loszulachen. Stattdessen hatte sie ihn nur ein wenig veralbert. »Warte mal! Ich hab da ein Gespräch auf der anderen Leitung. Ich glaube, es sind die Achtziger.«

»Die Burger sind echt der Hammer!«, verteidigte sich Stefan.

Darum sitzen sie jetzt also im Hard Rock Café, und die Burger sind wirklich der Hammer. Es gibt sogar Livemusik, und natürlich ist sie selbst Stefan zu laut. Die bevorzugte Lautstärke scheint übers Leben betrachtet eine U-Kurve zu machen, und mit Anfang vierzig ist man sehr nah am Scheitelpunkt. Solch seltsame Gedankengänge verdankt Yasira wohl ihrem Vater. Ein Matheprofessor, der hierzulande auf dem Bau schuften durfte. Stefan arbeitet für die Online-Ausgabe irgendeiner Berliner Zeitung. Yasira ist kurz unkonzentriert und verpasst, für welche. Sie mustert ihn, während er spricht. Braune Locken, eine schicke Brille und ein berlintypischer Siebentagebart, der schon zum Grau tendiert. Steht ihm aber nicht schlecht. Generell ist er ein bisschen hübscher als der letzte Stefan.

Yasira hat ihm noch nicht gesagt, dass sie fürs Bundeskriminalamt arbeitet. Das ist immer ein Risiko. Manche Männer werden sofort notgeil beim Gedanken daran, mit einer Polizistin ins Bett zu steigen. Andere kriegen vor lauter Ohnmachtsgefühlen Erektionsstörungen. Beides unangenehm.

»Ich finde ja, so richtig weit sind wir mit der Gleichberechtigung leider nicht gekommen«, sagt Stefan. »Hast du zum Beispiel gewusst, dass es in Großbritannien weniger Hedgefonds gibt, die von Frauen geleitet werden als von Typen, die David heißen?«

»Oh, wirklich?«, fragt Yasira und beißt in ihren Veggieburger.

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Stefans Gesprächsanteil an diesem Abend schätzt sie auf starke achtzig Prozent. Vielleicht, denkt sie, gibt es auch in ihrer Behörde mehr Abteilungen, die von Stefans geleitet werden als von Frauen. Ihr Chef jedenfalls heißt ebenfalls Stefan. Bei den Kriminalbeamten im BKA, das hat sie letztens gelesen, ist das Verhältnis zwei zu eins. Oder anders gesagt, auf zwei Stefans kommt eine Katja.

»Also keine Angst, ich bin kein Antisemit oder so«, sagt Stefan. Yasira ist etwas irritiert, sie versteht den Zusammenhang nicht sofort.

»Ich meine nur, David ist ja ein jüdischer Name«, erklärt Stefan, »aber es sind ja nicht nur Juden, die David heißen. Ich hab nichts gegen Juden oder gegen Israel, wobei ich auch nicht alles gutheißen will, was im Nahen Osten passiert. Ihr habt da bestimmt einen ganz anderen Blick drauf. Ich meine …« Stefan bricht ab. »Ich sollte nicht ›ihr‹ sagen, was?«

Yasira schüttelt belustigt den Kopf.

»Ich plappere mich hier um Kopf und Kragen«, bemerkt Stefan. »Das mache ich immer, wenn ich aufgeregt bin. Darf ich fragen, wo du herkommst?«

»Aus Wilmersdorf«, erwidert Yasira. Stefan macht ein ziemlich doofes Gesicht. Der alte Scherz ist immer wieder lustig. »Mit der U-Bahn«, fügt sie noch hinzu.

Stefan wird rot. Irgendwie niedlich.

»Entschuldigung! Ich wollte nicht …«

»Du wolltest hören, wo meine Eltern mal hergekommen sind? Aus dem Libanon. Beirut. Beziehungsweise, wenn du es ganz genau wissen möchtest, dann kann ich dir noch sagen, dass mein Vater in Houla geboren wurde, einem kleinen Ort ganz im Süden. Beide sind Anfang der Achtziger vor dem Bürgerkrieg geflohen. Da war meine Mutter schon schwanger.«

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Stefan guckt nur. Er scheint ein wenig erschlagen von den Informationen, die er doch hatte haben wollen, oder nicht? Yasira lächelt. »Wo kamen denn deine Eltern mal her?«

»Meine Eltern? Also, aus Franken …«

Der arme Stefan ist ganz verunsichert.

»Cheer up«, sagt Yasira. »Ich weiß, dass du es nicht böse gemeint hast.«

Stefans Gesichtszüge entspannen sich etwas.

»Meine Urgroßeltern kamen aus Ostpreußen«, erzählt er, nur um sich sofort wieder zu korrigieren. »Also, ich meine aus Polen.«

»Soso.«

»Und ich komme aus Friedrichshain.« Stefan atmet leicht gestresst aus. »Mit der S-Bahn.«

Yasira lacht. Vielleicht wird das ja doch noch was werden, wenn er seine Unsicherheit mal überwunden hat.

Stefan deutet auf ihren Wein. »Aber du bist nicht gläubig?«

Oh, wie geschickt und scheinbar beiläufig er die Frage platziert hat, die ihm wohl seit Beginn des Dates, vielleicht schon, seit er ihr Bild nach rechts gewischt hat, unter den Nägeln brennt.

»Nein«, sagt Yasira.

Sie kann Stefans Erleichterung beinahe körperlich spüren. Das erregt in ihr eine Art Trotz, weswegen sie hinzufügt: »Aber meine Eltern sind strenggläubig.«

»Ach ja?«

»Allerdings gehören sie einer Sekte an, die stetig Anhänger verliert. Dabei beherrschte sie einst die halbe Welt.«

Stefan guckt nur.

»Sie sind Kommunisten«, erklärt Yasira.

Erst weiß Stefan nicht, wie er reagieren soll, dann lächelt er unsicher. Steht ihm nicht schlecht.

»Aber du nicht?«

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»Ich?«, fragt Yasira. »Nein. Ich bin … also, wenn du meine Tochter fragen würdest …« Oh, wie geschickt und scheinbar beiläufig sie diese Info platziert hat, die man während eines Dates bloß nicht zu früh, aber auch nicht zu spät fallen lassen durfte. »… die würde wahrscheinlich sagen, dass ich Zynikerin bin.«

»Du hast eine Tochter?«, fragt Stefan überrascht. »Wie schön.«

Die letzten beiden Worte hat er noch schnell angehängt. Seine Stimme war dabei einen Halbton höher.

»Ja, sie ist zu Hause bei meinem Mann. Aber keine Sorge. Wir haben eine offene Beziehung.« Yasira lässt eine Pause. »Also jedenfalls von meiner Seite.« Sie trinkt einen Schluck Wein. »Mehmet ist schon recht eifersüchtig. Einmal hat er mich bei einem Date erwischt und den anderen krankenhausreif geprügelt. Du weißt, wie die Araber sind. Viel Temperament, wenig Selbstkontrolle. Später tat es ihm leid.«

Stefans Gesicht ist zu köstlich. Die Pommes, die er sich ge-

rade in den Mund geschoben hat, fallen fast wieder heraus.

Yasira grinst. »Das war ein Scherz. Patrick und ich sind seit zehn Jahren geschieden. Unsere Tochter Zara ist schon sechzehn.«

Stefan lacht erleichtert auf.

»Der war gut«, sagt er. »Den muss ich meiner Frau erzählen, wenn ich nach Hause komme.«

Yasira zieht eine Augenbraue hoch.

»Seit sechs Jahren geschieden«, berichtet Stefan. »Zwei Kinder.«

Kein Problem, denkt Yasira. In ihrem Alter kommen alle mit Gepäck.

Die beiden Musiker machen eine Pause, und sofort ist der Laden bedeutend angenehmer. Auch Stefan atmet auf.

»Vielleicht treffen wir uns das nächste Mal lieber im Soft-Rock-Café«, sagt er.

»Oder im Kuschelrock-Café«, erwidert Yasira. Ups! Hat sie das gerade wirklich gesagt? Stefan guckt sofort ganz kuschelig. Sie lacht. »Wenn du so was Anzügliches gesagt hättest, wäre ich wahrscheinlich sofort aufgestanden und gegangen.«

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Sie schiebt sich den letzten Happs ihres Moving Mountains-Burgers in den Mund. Seit sie von Zara unter vorgehaltenem moralischem Zeigefinger gezwungen worden ist, Vegetarierin zu werden, gestaltet sich die Auswahl im Restaurant deutlich einfacher. Yasira sieht das wirklich als Vorteil an. Sie hat sich früher oft schwer entscheiden können. Jetzt gibt es einfach immer den Veggieburger. Manchmal, wenn sie ohne ihre Tochter auswärts isst, bestellt sie sich heimlich etwas mit Fisch. Omega 3 und so. Aber solange sie noch nicht weiß, ob dieser Stefan einer sein könnte, den sie ihrer Tochter vorstellt, geht sie lieber kein Risiko ein. Sie will ja nicht, dass er sie mit oder ohne Absicht zu Hause bloßstellt. Da wäre was los, würde er berichten, dass Yasira, wie Zara es nennt, »ihre Zähne in eine Tierleiche gehackt hat«. Auf die Diskussion kann sie dankend verzichten.

Nach dem Essen verschwindet Yasira kurz auf die Toilette. Sie ist zufrieden. Sicher kein Typ für die Ewigkeit. Aber auch kein Totalausfall wie die letzten beiden. Der eine hatte die ganze Zeit von seiner Ex erzählt. Der andere wohnte ernsthaft noch bei seiner Mutter. Aber mit diesem Stefan könnte sie vielleicht eine Zeit lang die Einsamkeit vertreiben. Sie betrachtet sich im Spiegel. Ihre schwarzen Haare trägt sie ausnahmsweise offen, nicht wie sonst immer in einem straffen Pferdeschwanz. Nicht schlecht für Anfang vierzig. Anfang vierzig! Verdammt! Vor ein paar Jahren hatte Zara für einen Geschichtsvortrag übers Mittelalter recherchiert, irgendwann vom Buch aufgeschaut und völlig verblüfft zu ihr gesagt: »Mama! Im Mittelalter wärst du schon tot!« Beim Gedanken daran muss Yasira unwillkürlich grinsen. Ihr Spiegelbild grinst zurück. Wirklich nicht schlecht für eine fast Tote. Das könnte ein netter Abend werden. Jetzt würde gleich der Teil kommen, wo sie über ihre Hobbys reden. Bouldern, würde sie sagen, und er: »Was ist das denn?«, und sie: »Das ist ein fancy Wort für Klettern.« Und er: »Ach was. Du gehst gerne klettern? Das wollte ich auch schon ewig mal probieren. Vielleicht könnten wir ja mal zusammen klettern. Bla, bla, bla.«

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Und danach? Zu ihm oder zu ihr? Lieber zu ihm. Es ist immer ein wenig seltsam, der eigenen Tochter den neuen Lover vorstellen zu müssen. Allerdings ist es fast noch schlimmer, selbst fremden Kindern vorgestellt zu werden. »Hallo, Kids! Das ist Yasira. Sie schläft für voraussichtlich zwei bis sechs Monate manchmal dort, wo Mama früher geschlafen hat.« Brrr! Aber vielleicht hat sie ja Glück. Vielleicht teilt sich Stefan das Sorgerecht mit seiner Ex und hat diese Woche sturmfrei. Immer positiv bleiben. Gut gelaunt verlässt sie die Toilette.

Doch als sie zum Tisch zurückkommt, starrt Stefan auf sein Handy, mit diesem Blick, als wäre der 11. September 2001 und er hätte gerade die Nachrichten eingeschaltet.

»Was ist passiert?«, fragt Yasira.

Stefan schaut auf. Er braucht offenbar einen Moment, um sich wieder gewahr zu werden, dass er sich auf einem Date befindet.

»Nichts«, sagt er.

»Nichts?«

Stefan schüttelt den Kopf. »Nichts … Wichtiges.«

»Warum siehst du dann so aus, als hättest du gerade die Ankündigung des Weltuntergangs gelesen?«

»Es war dumm von mir, dass ich überhaupt auf mein Handy geguckt habe.«

»Jetzt spuck’s schon aus«, verlangt Yasira.

»Ach …« Stefan seufzt. »Hast du von dem Mädchen gehört, das vor ein paar Tagen spurlos verschwunden ist? Irgendwo in Sachsen-Anhalt? War heute früh in den Nachrichten.«

Yasira nickt. Sie kann sich an die Meldung erinnern, hat den Bericht aber nicht gelesen. Teils, weil sie schon genug Verbrechen auf der Arbeit hat, teils, weil verschwundene Mädchen ihre Achillesferse sind. Seit sie selbst eine Tochter hat, kann sie bei Verbrechen, die Minderjährige betreffen, noch schwerer die nötige Distanz wahren. Zu sehr rühren sie an der Urangst, dass dem eigenen Kind etwas zustoßen könnte.

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»Lena heißt sie«, fährt Stefan fort.

»Lena«, wiederholt Yasira. Nach einer kurzen Pause fragt sie: »Was ist passiert? Ist sie wieder aufgetaucht?«

Stefan macht ein zerknittertes Gesicht. »Schon irgendwie.«

»Irgendwie?«

»Nun, es gibt da so ein … so ein Video, das gerade viral geht. Es ist furchtbar und …« Stefan zögert kurz, sucht wohl nach den richtigen Worten. »… und es ist Sprengstoff.«

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Wut


»Was für ein Video?«, fragt Yasira.

»Drei Flüchtlinge«, beginnt Stefan und korrigiert sich sofort, »ich … äh … ich meine Geflüchtete …«

Wer hat sich das eigentlich ausgedacht, fragt sich Yasira. Diesen neuen Sprachcode? Das war sicherlich gut gemeint, aber ob es mehr geholfen oder geschadet hat, darüber ließe sich prima streiten. Ist es im Endeffekt nicht nur eine sprachliche Abgrenzung, dank deren Kenntnis sich Malte im dritten Semester Philosophie seiner Großtante Erna in Hinterwalde gegenüber moralisch überlegen fühlen kann, obwohl es Erna war, die ihren Mann Heinz gegen dessen erklärten Willen dazu gebracht hat, die schwangere Syrerin zum Ultraschall zu fahren? Während Malte noch nie … Aber wahrscheinlich ist sie schon wieder zu zynisch. Malte verprügelt niemanden und zündet keine Asylbewerberheime an. Malte ist nicht das Problem.

»… also, die drei haben sich dabei gefilmt, wie sie das Mädchen vergewaltigt haben«, fährt Stefan fort. »Und das guckt jetzt das halbe Netz.«

Yasira schließt die Augen und schüttelt leicht den Kopf. Sie atmet tief ein. Natürlich muss sie sofort an Zara denken. Was, wenn ihrer Tochter so etwas passieren würde? Beim Ausatmen öffnet sie die Augen wieder.

»Zeig her!«

»Es ist wirklich grausam. Ich weiß nicht, ob du …«

»Stefan«, sagt Yasira ruhig, »ich bin Hauptkommissarin beim BKA, Abteilung für schwere und Organisierte Kriminalität!« So, jetzt war es raus. »Ich hab Sachen gesehen, die dir wochenlang den Schlaf rauben würden. Ein Video kann mich nicht schocken. Gib mir das Handy!«

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Ohne weiteren Widerstand reicht ihr Stefan sein Smartphone. Sie drückt auf Play.

Schon nach den ersten Sekunden weiß Yasira, dass dieses Video alles verändern wird. Es ist der Tropfen, der Funke, der Zünder. Stefan hat recht. Es ist Sprengstoff.

Ihr kriminalistisch geschultes Auge achtet sofort auf Details. Tatort ist eine kleine Lichtung in einem Wald. Die Aufnahme ist dunkel, aber man kann noch alles und alle erkennen. Also ist es nicht nachts passiert, denn nachts im Wald sieht man gar nichts. Dämmerung wahrscheinlich. Das wäre aktuell gegen achtzehn Uhr. Die drei Männer sind schwarz, wahrscheinlich Mitte zwanzig, und das Mädchen ist weiß, schlank, brünett. Unter achtzehn, schätzt Yasira. Nur wenig älter als ihre eigene Tochter. Vielleicht genauso alt. Es liegt auf dem Tisch einer dieser Rastplätze, die es an manchen Wanderstrecken gibt. Die mit den an die Garnitur montierten Sitzbänken. Das geblümte Kleid des Mädchens ist zerrissen. Ihr ganzer Körper zuckt bei jedem Stoß. Sie schluchzt nur noch. Es ist herzzerreißend. Lena heißt sie.

Lena.

Yasira hat schon oft festgestellt, dass den Namen des Opfers zu kennen, das Verbrechen noch unerträglicher macht. Sie möchte mitheulen und ballt gleichzeitig ihre Faust. Die Männer sind offensichtlich angetrunken. Bierflaschen stehen auf den Sitzbänken. Die Marke kann man nicht erkennen. Zwei der Kerle halten Lena fest. Der linke hat eine graue Baseballcap auf dem Kopf, das Schild zeigt nach hinten. Der rechte trägt einen Pullover mit einem niedlichen Comic-Hund darauf. Snoopy. Vom Vergewaltiger sieht man zuerst nur den Rücken und seine Locken. Die beiden Komplizen, die Lena festhalten, lachen, dann zeigt der rechte in Richtung Kamera und sagt etwas. Er spricht Französisch mit starkem Akzent. Yasira kann ihn nicht verstehen. Aber offensichtlich merkt der Vergewaltiger erst in diesem Moment, dass er von einem vierten Mann gefilmt wird. Er dreht sich um, lässt von dem Mädchen ab. Man sieht sein Gesicht, er ist sauer, kommt auf die Kamera zu. Er schimpft laut, der Mann, der filmt, weicht zurück, aber der Vergewaltiger greift mit der Hand nach der Kamera, und das Bild wird schwarz. Nicht mal eine Minute ist das Video lang. Perfekte TikTok-Länge.

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Yasira reicht das Handy zurück.

»Scheiße!«, murmelt sie.

Irgendein bemitleidenswerter Kollege wird bei Lenas Eltern klingeln müssen, ist das Erste, was sie denkt. Es gibt in ihrem Beruf wenig Schlimmeres. Als Überbringer der schlimmen Nachricht fühlt man sich immer ein wenig verantwortlich dafür, dass der Mensch vor einem in diesen bodenlosen inneren Abgrund der Verzweiflung stürzt. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein. Was, wenn eines Tages ein Kollege bei ihr klingeln muss, mit schlechten Nachrichten über Zara? Nein, nein. Bloß nicht daran denken.

»Es tut mir leid«, sagt Stefan. »Ich hätte das nicht … Ich wünschte, ich hätte das nicht angeklickt.«

»Das arme Kind«, murmelt Yasira.

»Ja«, sagt Stefan nur.

Eine lange Minute schweigen beide und hängen ihren Gedanken nach. Warum nur tun sich Menschen so etwas an? Wie ging es nach der Tat weiter? Was wurde aus Lena? Die Mutter in Yasira hofft. Die Hauptkommissarin in ihr hegt kaum einen Zweifel, dass das Mädchen tot ist.

»Das Verbrechen ist schrecklich«, sagt Stefan schließlich. »Aber ich fürchte mich auch vor den Reaktionen. Ich hab Angst vor all dem, was jetzt passieren wird. Ergibt das Sinn?«

Yasira überlegt, dann nickt sie.

Auch sie verspürt Wut. Wut auf diese Männer. Wut auf das, was kommen wird. Wut auf diese Welt. Eine Minute hat gereicht, damit sie diese Männer abgrundtief hasst. Für das, was sie Lena angetan haben. Für ihre Grausamkeit. Für ihre Empathielosigkeit. Aber sie hasst sie auch, weil sie so idiotisch gewesen waren, sich bei ihrem Verbrechen zu filmen und die Aufnahme mit irgendeinem Trottel zu teilen, der es für eine gute Idee hielt, das Video ins Netz zu stellen. Sie kann sich schon die Schlagzeilen vorstellen: die Ausländer, die Schwarzen, die Flüchtlinge, unsere Töchter, unsere Frauen, unsere Werte. Der Untergang des Abendlandes steht bevor.

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»Die ganzen rechten Kanäle werden sich dankbar auf die Munition stürzen«, vermutet Stefan. »Der Einzelfallticker der AfD wird heiß laufen.«

»Ja«, sagt Yasira. »Dabei könnte man das Verbrechen auch ganz anders rahmen. Es sind mal wieder Männer, die einer Frau Gewalt antun.«

»Ich habe letztens einen Artikel darüber geschrieben«, berichtet Stefan. »Allein in Deutschland werden jeden Tag mehr als dreißig Frauen sexuell missbraucht. Und die meisten von ihnen werden natürlich, das ist aufgrund der Bevölkerungsstruktur logisch, von deutschen Männern vergewaltigt.«

»Nur filmen die sich nicht dabei«, sagt Yasira.

»Wahrscheinlich stimmt das noch nicht mal«, erwidert Stefan. »Garantiert gibt es im Darknet zahllose Vergewaltigungsvideos.«

Yasira nickt nur.

»Aber bei diesem Video wird wieder vom Einzelfall verallgemeinert werden«, sagt Stefan. »Dabei ist es doch so: Unter Flüchtlingen gibt es auch Arschlöcher. Unter Nazis gibt es nur Arschlöcher.«

Das hörte sich an wie ein Zitat. Yasira hat jetzt keinen Nerv dafür.

»Das wird alles noch schlimmer machen«, sagt sie nur.

Stefan nippt an seinem Bier. An ihrem Tisch entsteht wieder eine unangenehme Stille.

»Ich … also irgendwie ist es schwierig, jetzt … äh … zu einem anderen Thema …« Stefan scheint einen Versuch unternehmen zu wollen, das Date zu retten. Tapfer, aber fast aussichtslos. »Und du bist also beim BKA? Wie bist du …« Stefan bricht ab.

»Wie ausgerechnet ich zur Polizei gekommen bin?«, fragt Yasira. »Nun, ich war mal sehr idealistisch. Ich dachte, damit sich etwas ändert, müssen eben auch Leute wie ich zur Polizei. Jedenfalls ist es das, was ich meinem Vater und meinen Freunden erzählt habe. Aber vielleicht habe ich auch einfach nur als Kind zu viele Krimis geguckt.«

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»Du warst mal sehr idealistisch?«, fragt Stefan. »Bist du es nicht mehr?«

Yasira zuckt mit den Schultern. »Die Realität hat die dumme Angewohnheit, den eigenen Idealismus zu schleifen. Findest du nicht?«

Stefan seufzt nur.

Kurze Zeit später teilen sie die Rechnung und gehen nach Hause. Jeder zu sich. Stefan hat keinen weiteren Versuch gestartet, das Date zu retten. Das muss man ihm anrechnen. Die Luft ist raus. Der Abend gelaufen. Auf dem Nachhauseweg peitscht Yasira der Regen ins Gesicht. Morgen schon, denkt sie, wird der Sprengstoff das Land zerreißen.

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Die Empörung


Yasira ist noch vor dem Weckerklingeln aufgewacht. Die ganze Nacht hat sie mit Albträumen gekämpft. Jemand hat sie und Zara durch einen Wald verfolgt. Zuerst dachte sie, es wären die Vergewaltiger aus dem Video, aber dann war es doch nur Patrick, ihr Ex, der ihr sagte, dass er keinen Unterhalt mehr zahlen wolle. Seltsam.

Yasira setzt sich auf. Ihr Schlafzimmer ist spartanisch eingerichtet: ein Bett, ein Kleiderschrank, ein Nachttisch. Über dem Kopfende des Betts hängt eine Reproduktion von René Magrittes Meisterwerk »Die Liebenden«. Yasira hat es im Museumsshop des MoMA gekauft, auf einer Urlaubsreise nach New York mit Patrick. Und deshalb überlegt sie jeden Tag aufs Neue, ob sie das Bild abhängen soll. Aber man darf eine Beziehung nicht nur vom Ende her sehen. Sie hatten auch schöne Jahre gehabt. Außerdem, wenn sie es abhängen würde, wäre an der Wand bestimmt ein helleres Rechteck, dort, wo das Bild gewesen war. Und dieses leere Rechteck würde sie immer noch an Patrick erinnern. Aber nicht mehr an New York.

Auf dem Gemälde küssen sich ein Mann und eine Frau, doch ihre Köpfe sind komplett mit zwei weißen Tüchern umwickelt. Selbst im Kuss berühren sie sich nicht. Es trifft nur Tuch auf Tuch. Das Bild hatte Yasira sofort fasziniert. Erst viel später fand sie es geradezu prophetisch für die letzten Jahre ihrer Ehe. Sie beschließt, das Bild einen weiteren Tag hängen zu lassen, und geht ins Bad.

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Während sie auf der Toilette sitzt, checkt sie die Nachrichten auf ihrem Handy. Schöne neue Welt, denkt Yasira. Nicht mal mehr auf dem Klo hat man seine Ruhe. Dabei hat sie natürlich niemand gezwungen, ihr Handy mit ins Bad zu nehmen. Nur die Neugier, nur ihre Sucht nach aktuellen Informationsfetzen. Ist das schon … Wie nennt Zara das? Ah ja – Doomscrolling? Egal.

Sie überfliegt, was sie in den paar Stunden Schlaf verpasst hat. Lenas Vater Frank Palmer, so erfährt sie von der tagesschau-App, hat seine Tochter vor vier Tagen vermisst gemeldet. Die Familie wohnt in Halberstadt am Harz. Das Mädchen ist sechzehn Jahre jung. Genau wie Zara. Yasira malt sich aus, wie es sein muss, solch ein Video zu sehen und die eigene Tochter darin zu erkennen. Es ist unvorstellbar. Entsetzlich. Sie unterbricht ihre eigenen Gedanken, damit sie nicht morgens auf der Toilette anfängt zu heulen, und liest weiter.

Das Video hat bereits eine Welle der Empörung ausgelöst. Reaktion und Gegenreaktion sind irgendwie vorhersehbar, und trotzdem schockt es Yasira, wie extrem manche Wortmeldungen ausfallen und wie leise die Stimmen der Vernunft bleiben. Die einen Politiker fordern lautstark: »Wir müssen endlich …!«, die anderen flüstern: »Ja, schon. Aber …« BILD und Konsorten stürzen sich auf den Fall, sehen es als ihre patriotische Pflicht, darüber zu informieren, und können sich sicher sein, damit nebenbei die Auflage zu steigern. Die bekannten rechten Kanäle schäumen vor Wut. Mag sein, dass dabei – im Eifer des Gefechts – das eine oder andere Mal eine Rückkehr zu den Methoden von … nun ja … von damals gefordert wird. Das überhören die meisten aber großzügig.

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Wer von all denen, die das Video gesehen haben, regt sich nicht darüber auf? Personen des öffentlichen Lebens, die es wagen zu differenzieren, werden von der Empörung überrollt. YouTube und Facebook haben begonnen, das Video und seine unzähligen Kopien zu löschen. Zu spät natürlich. Wie ein Virus hat es längst das ganze Netz infiziert. Der Chef von X hat sich sogar bemüßigt gesehen, auf seiner Plattform das Video höchstpersönlich zu teilen. #FreedomOfSpeech #ShareTheTruth

Es wird noch einen Tag dauern, bis es neue Wahlumfragen gibt, aber auch diese werden kommen, und ihr Ergebnis wird garantiert angsteinflößend.

Yasiras Hintern ist schon ganz kalt, als sie endlich von der Toilette aufsteht. Wie dumm von mir, denkt sie nur. Wie dumm. Morgen wird sie das Handy nicht mit ins Bad nehmen.

Zara sitzt schon am Küchentisch und frühstückt. Genauer gesagt liegt das, was sie Frühstück nennt – ein Knäckebrot ohne etwas drauf –, unangetastet vor ihr auf dem Teller, und sie starrt ebenfalls auf ihr Handy. Wie so oft. Aber jede Zurechtweisung würde scheinheilig klingen, also sagt Yasira nichts.

Die Küche ist recht groß und ersetzt in vielerlei Hinsicht das fehlende Wohnzimmer. An der Wand hinter Zara hängt der Fotokalender mit den Einblicken in das glückliche Familienleben von Yasiras Schwester Dalia. Er zeigt Juli. Dabei ist es bereits Oktober. Yasira blättert um.

»Hast du’s schon gesehen?«, fragt Zara, ohne von ihrem Handy aufzublicken. »Dieses Video, meine ich.«

Yasira nickt. »Gestern Abend. Aber wieso weißt du davon? Du solltest so was nicht anschauen.«

»Mama, alle haben es gesehen! Man kann nicht ins Internet, ohne auf das Video oder Kommentare dazu zu stoßen.«

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Yasira seufzt.

»Es ist so …«, beginnt Zara, weiß dann aber nicht weiter. »Es ist einfach … fuck.«

Wann fing das eigentlich an, dass die jungen Leute alle auf Englisch fluchen? Wahrscheinlich mit Netflix. Und geschminkt hat sich Zara schon wieder wie eine … Nein. Yasira bricht ihren Gedanken ab. Das hätte ihre Mutter gedacht. Sie nicht.

Stattdessen sagt sie nur: »Ja. Fuck.«

Sie weiß, was das Video für ihre Tochter bedeutet. Eine neue Welle doofer Blicke und rassistischer Sprüche in der Bahn, in der Schule, wo auch immer sie unterwegs ist. Dabei hat Zara ja wohl überhaupt nichts mit diesem verdammten Video zu tun. Aber sie ist halt nicht blütenweiß. Manchmal fragt sich Yasira, ob Patrick überhaupt irgendwelche Gene zu seiner Tochter beigesteuert hat. Oder ist er damals schon so knauserig gewesen? Es nützt auch nur wenig, dass Yasira ihre Tochter Zara genannt hat. Ein Name, von dem sie hoffte, dass er deutsch genug für ihre Mitbürger und arabisch genug für ihre Eltern sei.

»Es wird wieder vorbeigehen«, sagt Yasira.

»Als ob«, sagt Zara nur. Zwei Worte, mit denen sie ihre Mutter zuverlässig auf die Palme bringt. Aber heute nicht.

»Ja«, bestätigt Yasira. »Als ob.«

Sie schaut aus dem Fenster. Es regnet schon wieder. Sehnsüchtig blickt sie auf den Autoschlüssel, der in einem Schälchen auf dem Küchentisch liegt. Aber natürlich wird sie auch heute wieder die Ringbahn vom Hohenzollerndamm zur BKA-Zentrale in Treptow nehmen. Das macht sie seit Jahren. Es ist ein Überbleibsel aus der Zeit, als sich Zara bei Fridays for Future engagiert hat. Irgendwann hatte Yasira die Nase voll davon, jeden Tag einen Vortrag über den CO2-Ausstoß ihres Golfs zu hören, und sich ein BVG-Abo geholt.

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Man kann eben nur eine gewisse Anzahl Nachrichten und Bilder über ausgetrocknete Flüsse und tote Eisbären ertragen, bevor man klein beigibt. Jedenfalls ist das bei Yasira so gewesen. Andere Menschen scheinen da resistenter zu sein. Inzwischen wünscht sich Yasira diese engagierte Phase im Leben ihrer Tochter zurück. Es war besser gewesen als diese neue Resignation. Zaras Hoffnungslosigkeit schmerzt sie. Sollte man mit sechzehn nicht noch daran glauben, dass man die Welt ändern kann? Und zumindest bei Yasira hat Zara Erfolg gehabt, oder nicht? Nun ja. Ein bisschen Regen hat noch niemanden umgebracht. Sie nimmt also einen Schirm statt des Autoschlüssels mit.

»Mama«, sagt Zara, als Yasira schon an der Tür steht.

»Ja, mein Kind?«

»Pass auf dich auf.«

Seltsam. Das sagt sie doch sonst nie. Aber Yasira kann es nachvollziehen. Es fühlt sich richtig an. Irgendetwas gerät aus den Fugen. Man spürt es förmlich in der Luft.

»Du auch, mein Schatz«, erwidert sie deshalb. »Du auch.«

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Das Bundeskriminalamt


Der Hauptstadt-Ableger des BKA hat in der Nähe des Treptower Parks sein Zuhause gefunden. Der Staatsschutz und die Sicherungsgruppe residieren auf einem alten Kasernengelände. Wie bei vielen Gebäuden in Berlin kann man anhand seiner Vergangenheit die Geschichte des 20. Jahrhunderts nachzeichnen. Vor dem Ersten Weltkrieg war der Gebäudekomplex für das Erste Telegraphen-Bataillon der preußischen Armee gebaut worden. Yasira hat in ihren Anfangstagen mal gegoogelt, was das sein sollte, ein Telegraphen-Bataillon. Es hat sich wohl tatsächlich um Truppen gehandelt, die im Krieg für Bau oder Störung von Telegrafieanlagen zuständig waren. Ein Berufsstand, der gänzlich aus der Welt verschwunden ist. In der Weimarer Zeit war das Gelände dem Polizeipräsidenten von Berlin unterstellt gewesen. Vor hundert Jahren liefen hier also schon mal Kollegen durch diese tristen Flure. Dann kamen die Nazis und mit ihnen die Wehrmacht. Später die Rote Armee. Und die sowjetische Denkmal-Bauverwaltung. Die Nähe zum sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park ist also kein Zufall. Wahrscheinlich wollte der zuständige Sachbearbeiter einen kurzen Weg vom Büro zur Baustelle haben. Anschließend zog die Volkspolizei ein, später Grenztruppen der DDR, nach der Wende die Bundeswehr. Dann waren zeitweilig Asylbewerber hier untergebracht und seit der Jahrtausendwende das Bundeskriminalamt. Zumindest ein Teil des BKA. Der Teil, mit dem sie nichts mehr zu tun haben wollte. Der Teil, in dem Patrick noch immer arbeitete. Die Personenschützer.

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Yasiras Abteilung hingegen, eine Art Querschnittsreferat für alle möglichen Ermittlungen, die aus unterschiedlichsten Gründen in Berlin und nicht im Hauptquartier in Wiesbaden stattfinden sollen, ist ganz in der Nähe in den sogenannten Treptowers untergebracht. Ein auch nicht gerade lebensbejahender Büroturm, in dem man eine Versicherung vermuten würde – und tatsächlich hatte vormals die Allianz hier gehaust. Hübsch kann man das Gebäude, in dem Yasira arbeitet, also nicht nennen. Eher wuchtig. Massiv. An grauen Tagen wie heute auch deprimierend. Nur der Blick aus den Fenstern auf die Spree, der ist Gold wert.

Auch im Büro ist das Video Thema Nummer eins. Immerhin aus einer anderen, einer kriminalistischen Perspektive. Ihre Kollegin Jenny Winkler berichtet bei einem Kaffee in der kleinen Küche des Büros, dass es wohl bislang keine brauchbare Spur gibt. Weder zu Lena noch zu den Tätern. Dann driftet das Gespräch aber schnell zu anderen Dingen. Immer wieder faszinierend, wie man vom totalen Horror zu absoluten Banalitäten kommen kann.

Jenny ist Yasiras liebste Kollegin. Fast schon eine Freundin. Heute hat sie mal wieder heftige Augenringe. Das liegt hauptsächlich an den drei Kindern, darunter ein Zweijähriger, die ihr auf der Nase herumtanzen.

»Wie schaffst du es nur trotz allem, immer pünktlich um acht bei der Arbeit zu sein?«, fragt Yasira.

»Bin schon seit drei Stunden wach«, ist Jennys knappe Antwort. »Für mich ist hier zu sein wie Urlaub.«

»Tatsache?«

»Mhm«, macht Jenny. Sie nippt an ihrem Kaffee. »Gab’s damals, als deine Tochter klein war, eigentlich schon diese Töpfchen, die Musik machen, wenn man reinpinkelt?«

»Klar. Unseres hat immer Lambada gespielt. Wieso?«

»Wenn die Batterie fast leer ist, dann klingt es nicht mehr wie Lambada oder in unserem Fall ›Für Elise‹ …«

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»Oh! Ihr habt selbstverständlich die Bildungsbürgervariante«, stichelt Yasira. Jennys Mann ist Arzt an der Charité und ein furchtbarer Snob.

»Shh«, macht Jenny nur. »Du bist doch hier die Langweilerin, die gerne Klassik hört. Jedenfalls klingt, was das Töpfchen fabriziert, nicht mehr wie ›Für Elise‹, sondern wie so ein altes 56 k-Modem, das sich ins Internet einwählt. Kannst du dich an diesen Sound erinnern?«

»Dunkel.«

»Ich frage mich gerade«, sagt Jenny, »was Beethoven wohl davon halten würde, dass seine Komposition heutzutage Kleinkinder zum Pullern bringen soll?«

»Und ich frage mich, ob mein Töpfchenhersteller damals Kaoma die Lizenzrechte für Lambada abgekauft hat«, sagt Yasira. »Wie sah die Anfrage aus: Sehr geehrtes Management von Kaoma, wir sind einer der weltweit führenden Hersteller von singenden Töpfchen, und wir würden gerne Ihr Lied Lambada für eines unserer Produkte lizensieren

Jenny lacht.

»Jedenfalls«, fährt sie danach mit ihrer Geschichte fort, »hat das Töpfchen heute Nacht aus mir schleierhaften Gründen begonnen, Musik zu machen. Ganz ohne Benutzung. Trocken quasi. Und diese schräge Version von ›Für Elise‹ hat sich in mein Gehirn gebrannt, und jetzt habe ich einen Ohrwurm davon.«

»Na, du weißt ja, was gegen einen Ohrwurm hilft«, sagt Yasira im Weggehen.

»Oh, nein, nein!«, ruft Jenny. »Tu das nicht.«

Yasira dreht sich noch mal um und sagt: »Ein belegtes Brot mit Schinken.«

Mit der noch halb vollen Kaffeetasse in der Hand betritt Yasira ihr kleines Büro.

...

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