Rache verjährt nicht

Suhrkamp-21.10.2013

PROLOG



1



Sommer 1963: Profumo in Ungnade gefallen; Ward tot; die Beatles mit ihrem Album Please Please Me auf Platz eins; Martin Luther King hat seinen Traum; der von JFK wird nicht mehr lange währen; der Kalte Krieg erreicht Tiefsttemperaturen; der frische Wind des Wandels weht immer stärker durch das koloniale Afrika, und seine kräftigen Böen sind schon bis zum »Tor der Tränen« im britisch kontrollierten Aden zu spüren.

Aber die Gefahr terroristischer Anschläge ist noch nicht so groß, dass sie einen elfjährigen englischen Jungen daran hindern könnte, seine Sommerferien dort zu genießen, ehe er wieder zur Schule muss.

Ein paar Einschränkungen gibt es jedoch. Sein Diplomatenvater, der um die wachsende Bedrohung durch die Nationale Befreiungsfront weiß, lässt ihn nicht mehr nach Lust und Laune herumstromern, sondern setzt ihm strikte Grenzen und besteht darauf, dass er stets von Ahmed begleitet wird, einem jungen jemenitischen Gärtner und Handwerker, der sehr an dem Kleinen hängt.

Wenn Ahmed bei ihm ist, fühlt er sich rundherum sicher, und als ein verbeulter und staubiger Morris Oxford neben ihnen hält, die hintere Tür einladend geöffnet, wundert er sich, als sein Freund ihn zum Einsteigen drängt, hat aber keine Angst.

Auf der Rückbank sitzen bereits zwei Männer. Der Junge wird zwischen Ahmed und einem stämmigen glatzköpfigen Mann, der nach Schweiß und billigem Tabak riecht, eingeklemmt.

1

Das Auto braust davon. Bald haben sie eine der Grenzen erreicht, die sein Vater ihnen gesetzt hat. Der Junge sieht Ahmed fragend an, doch schon fahren sie in eine der weniger gepflegten Gegenden der Stadt.

Er ist allerdings nicht zum ersten Mal hier. Ein Jahr zuvor, als die Zeiten noch einigermaßen sicher waren, hat er gehört, wie ein britischer Beamter die Hauptstraße des Viertels als »Straße der tausend Arschlöcher« bezeichnete, und daraufhin hat er Ahmed überredet, ihn mit dorthin zu nehmen. Die fragliche Straße war eine ziemliche Enttäuschung und lieferte dem Jungen keine Erklärung für ihren spaßigen Namen. Als er von Ahmed wissen wollte, warum die Straße so genannt wurde, grinste der nur und antwortete: »Zu jung. Später vielleicht, wenn du älter bist!«

Jetzt biegt der Morris genau in diese Straße ein, wird langsamer und hat kaum angehalten, als der Junge auch schon von dem Glatzkopf nach draußen bugsiert und in einen Hauseingang gestoßen wird.

Trotzdem ist er nicht so erschrocken, dass er nicht die Hausnummer 19 an der Wand neben der Tür registriert hätte.

Er wird eine Treppe hinaufgetragen und in einen Raum gebracht, in dem sich keinerlei Möbel, dafür aber viele Männer befinden. Man wirft ihn in einer Ecke zu Boden. Er versucht, Ahmed anzusprechen. Der junge Mann schüttelt ungehalten den Kopf und weicht von da an seinen Blicken aus.

Nach etwa zehn Minuten kommt ein weiterer Mann herein. Er trägt einen europäischen Anzug und scheint wichtig zu sein. Die anderen verstummen.

Der Neuankömmling bleibt vor dem Jungen stehen und beugt sich herab, um ihm ins Gesicht zu schauen.

»Also, Junge«, sagt er. »Du bist der Sohn des Meisterspions.«

»Nein, Sir«, entgegnet er. »Mein Vater ist der britische Handelsattaché.«

2

Der Mann lacht.

»Als ich so alt war wie du, wusste ich, wer mein Vater ist«, sagt er. »Komm, wir reden mit ihm und finden heraus, wie viel du ihm wert bist.«

Er wird von dem Glatzkopf auf die Beine gezerrt und in ein anderes Zimmer gebracht, wo ein Telefon steht.

Der Mann in dem Anzug wählt eine Nummer, der Junge hört, wie er den Namen seines Vaters ausspricht. Nach einer kurzen Pause sagt der Mann: »Hören Sie zu. Ich spreche für die Befreiungsfront des Südjemen. Wir haben Ihren Sohn. Er wird kurz mit Ihnen reden, damit Sie wissen, dass wir nicht bluffen.«

Er winkt, und der Junge wird nach vorne geschoben.

Der Mann sagte: »Sprich mit deinem Vater, damit er weiß, dass du es bist«, und hält dem Jungen den Hörer hin.

Der Junge singt: »Mille ani undeviginti

Der Mann reißt ihm den Hörer aus der Hand und packt den Jungen am Hals.

»Was hast du gesagt?«, schreit er.

»Sie haben doch gesagt, er muss wissen, dass ich es bin«, stottert der Junge. »Das ist ein Lied, das wir oft zusammen singen, über die Ziege von Paddy McGinty. Fragen Sie ihn, er wird’s Ihnen erklären.«

Der Mann spricht ins Telefon. »Was hat es mit diesem Ginty und der Ziege auf sich?«

Was auch immer er hört, es scheint ihn zu beruhigen, und auf ein Nicken des Mannes hin wird der Junge zurück in das erste Zimmer gestoßen.

Er kauert sich in eine Ecke. Männer kommen und gehen, ohne ihn zu beachten. Die Atmosphäre ist zuversichtlich, als liefe alles nach Plan. Ahmed, der viele Umarmungen und anerkennendes Schulterklopfen bekommt, sieht ihn noch immer nicht an. Dem Jungen wird zunehmend bange.

3

Dann ertönt von unten plötzlich Lärm.

Zuerst das Splittern von Holz, als würde eine verschlossene Tür eingetreten, dann Schreie und Rufe, fast unmittelbar gefolgt von knallenden Pistolenschüssen.

Alle Männer stürzen nach draußen. Allein gelassen, sieht sich der Junge nach einem Versteck um, aber es gibt keins. Das einzige Fenster des Raumes ist selbst für einen Elfjährigen zu klein, um sich hindurchzuquetschen.

Der Krach wird lauter, kommt näher. Die Tür fliegt auf. Der Glatzkopf stürmt mit einer Pistole in der Hand herein. Der Junge lässt sich zu Boden fallen. Der Mann brüllt irgendwas Unverständliches und zielt mit der Waffe. Ehe er abdrücken kann, taucht Ahmed hinter ihm auf und springt ihm auf den Rücken. Ein Schuss löst sich. Die Kugel schlägt zwischen den gespreizten Beinen des Jungen in den Boden.

Die beiden Männer kämpfen kurz miteinander. Wieder kracht ein Schuss.

Und der Glatzkopf sackt gegen die Wand, die Hände auf den Bauch gedrückt. Blut quillt zwischen den Fingern hervor.

Ahmed bleibt vor ihm stehen, hält die Pistole umklammert. Jetzt endlich blickt er den Jungen an, und er versucht zu lächeln, aber es gelingt ihm nicht ganz. Dann wendet er sich der Tür zu, die während des Kampfes zugefallen ist.

Der Junge ruft: »Ahmed, warte!«

Doch der junge Jemenit hat die Tür bereits geöffnet.

Kaum macht er einen Schritt über die Schwelle, wird er auch schon von einem Kugelhagel, der ihm die Brust zerfetzt, zurück ins Zimmer geschleudert.

Als er auf dem Boden liegt, treffen sich ihre Blicke noch ein letztes Mal. Und jetzt erreicht das Lächeln Ahmeds Lippen. Dann stirbt er.

Erst als sich die Arme seines Vaters um ihn schließen, lässt der Junge endlich seinen Tränen freien Lauf.

4

Sein Vater sagt: »Das hast du gut gemacht, du hast einen kühlen Kopf bewahrt. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, was? Und hab ich dir nicht immer gesagt, dass es dir eines Tages nützen würde, wenn du deine Lateinhausaufgaben machst?«

Zwei Jahre später wird eine Autobombe der FLOSY seinen Vater töten, so dass der Junge keine Gelegenheit mehr hat, ihn als Erwachsener zu fragen, was die Rebellen für das Leben seines Sohnes von ihm verlangt hatten.

Oder wie die Antwort des Vaters gelautet hätte, wenn sein kindlicher Verstand nicht so findig gewesen wäre, ihm die Straße und die Nummer des Hauses zu verraten, in dem er festgehalten wurde.

Aber ehe er wieder in die Schule musste, konnte er ihn fragen, wie es denn möglich war, dass sein Freund Ahmed, der ihn so sehr geliebt hatte, dass er sein eigenes Leben für ihn opferte, ihn überhaupt erst in eine so gefährliche Lage gebracht hatte.

Und sein Vater hatte geantwortet: »Wenn Liebe gegen grimmige Not antritt, gibt es meist nur einen Sieger.«

Damals hatte er nicht verstanden, was sein Vater meinte. Aber später sollte es ihm klar werden.

5



2



Herbst 1989: die Welt in Aufruhr; die Berliner Mauer fällt; Chris Reas Album The Road to Hell steht auf Platz eins der britischen Charts; die westlichen Industriestaaten beobachten mit angehaltenem Atem die sich überschlagenden Ereignisse, die zur Befreiung Osteuropas und dem Ende des Kalten Krieges führen werden.

In einem Wald in Cumbria sitzt ein Mann auf einer von den Strahlen der Mittagssonne gesprenkelten Lichtung schlaff gegen eine verwachsene Eberesche gelehnt. Sein verwittertes Gesicht ist tief gezeichnet von den Gedanken, die ihm durch den gesenkten Kopf kreisen, die Augen sind starr, aber blicklos auf die ungeöffnete Thermosflasche und die Sandwichdose zwischen seinen Füßen gerichtet. Ein kleines Stück entfernt steht ein zweiter Mann und beobachtet ihn. Sein langes braunes Haar ist wolfsgrau gesträhnt, in seinem besorgten Gesicht liegt Mitgefühl, es offen zu zeigen, wäre sinnlos, wie er weiß. Auch ein junges Mädchen im Hintergrund betrachtet den sitzenden Mann mit starrem Blick, doch ihre Miene ist weit schwerer zu deuten. Und auf das weite Waldland, über das der Wind nahezu unaufhörlich seine Musik rauschen lässt und wo im Unterholz das Pizzicato knackender Zweige erklingt, senkt sich eine Stille, als würden selbst die Bäume und der Himmel und die Berge ringsum den Atem anhalten, weil sie fürchten, jemanden in seiner Trauer zu stören.

Dreihundert Meilen weiter südlich, in einem Ostlondoner Parkhaus, brechen fünf junge Burschen, die wahrscheinlich nicht mal mit der Wimper zucken würden, wenn Jesus Christus in einem Feuerwagen auf dem Dach von St. Paul’s landete, ein Auto auf.

6

Aber sie haben das einmal zu oft gemacht, und plötzlich schießen überall um sie herum Polizisten aus dem Boden, als hätte jemand Drachenzähne gesät. Die Jungen stieben auseinander, müssen aber feststellen, dass ihnen jeder Fluchtweg versperrt ist.

Nur einer ergibt sich nicht. Er läuft auf eine drei Meter hohe Betonwand zu, in der ganz oben eine gut dreißig Zentimeter große Lücke klafft. Zum Erstaunen der Polizisten huscht er wie eine Eidechse die Wand hinauf. Und dann schiebt er sich zu ihrem Entsetzen durch die Lücke und verschwindet.

Sie sind auf der fünften Ebene, und hinter der Lücke geht es fast zwanzig Meter senkrecht in die Tiefe.

Die Polizisten geben ihren wartenden Kollegen über Funk durch, sie sollen zur Rückseite des Parkhauses gehen und die Leiche sichern.

Wenige Minuten später antworten sie – keine Leiche am Fuße der Mauer, bloß ein junger Bursche, der weglaufen wollte, sobald er sie kommen sah.

Auf dem Revier gibt er sich als John Smith aus, achtzehn Jahre alt, ohne festen Wohnsitz.

Danach verstummt er und sagt kein Wort mehr.

Sie nehmen seine Fingerabdrücke. Er ist nicht in der Kartei.

Seine Komplizen behaupten, ihn noch nie gesehen zu haben. Sie behaupten auch, einander noch nie gesehen zu haben. Einer von ihnen ist so zugedröhnt, dass er nicht weiß, ob er sich selbst je gesehen hat.

Zwei sind eindeutig minderjährig. Ein Sozialarbeiter wird hinzugezogen, der bei ihrer Vernehmung anwesend ist. Die anderen beiden haben Vorstrafen. Sie sind achtzehn und neunzehn Jahre alt. Der Pflichtverteidiger kümmert sich um sie.

7

Die Polizisten sind nicht sicher, ob John Smiths Altersangabe stimmt, und der Junge hat irgendwas an sich, eine schwer definierbare Aura von Liebenswürdigkeit, was sie veranlasst, dem Pflichtverteidiger ihre Zweifel mitzuteilen.

Gleich zu Beginn seines Gesprächs mit Smith weist er ihn darauf hin, dass er als Minderjähriger anders behandelt werden würde, wahrscheinlich mit einer milden Strafe ohne Freiheitsentzug davonkäme. Smith bleibt bei seiner Aussage und verweigert jegliche weiteren Auskünfte über seine Herkunft, wenngleich er eindeutig mit nordenglischem Akzent spricht.

Der Verteidiger vermutet, dass Smith deshalb seinen Namen und sein Alter verfälscht, weil er seine Familie aus der Sache raushalten will. Er hofft, dem Jungen die Wahrheit entlocken zu können, indem er ihm die Folgen, die ihm für sein Delikt nach Erwachsenenstrafrecht blühen, drastisch ausmalt, doch als er sich die Beweislage gegen ihn genauer ansieht, muss er feststellen, dass die ziemlich mager ist. Eine Identifizierung anhand der unscharfen Aufnahmen von Überwachungskameras in dem dämmrig beleuchteten Parkhaus ist mehr als fragwürdig. Und könnte denn wirklich jemand die glatte Außenmauer heruntergeklettert sein, wie die Polizisten behaupten, und noch dazu in weniger als einer Minute?

Während sie sich unterhalten, entspannt sich der Junge, solange keine Fragen nach seiner Herkunft gestellt werden, und der Verteidiger spürt, wie er sich für seinen jungen Mandanten zu erwärmen beginnt. Auf dem Nachhauseweg fährt er an dem Parkhaus vorbei, um die Außenmauer zu fotografieren und zu dokumentieren, wie glatt sie ist. Am nächsten Tag zeigt er das Foto dem Jungen, der offensichtlich gerührt ist von so viel Engagement, dann jedoch panisch reagiert, als er erfährt, dass er noch am Vormittag einem Richter vorgeführt werden soll.

8

Der Verteidiger beruhigt ihn, handelt es sich doch bloß um einen Beweisaufnahmetermin, nicht um einen Strafprozess, er warnt ihn jedoch vor, dass er als Volljähriger ohne festen Wohnsitz mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in Untersuchungshaft bleiben wird.

Und genau so kommt es auch. Als der Junge weggeführt wird, sagt der Verteidiger, es bestehe kein Grund zur Sorge und er werde am Nachmittag im Untersuchungsgefängnis vorbeischauen. Aber er hat noch andere Dinge zu erledigen, die ihn bis in den späten Abend in Anspruch nehmen. Als er auf dem Nachhauseweg ist, fällt ihm der Junge wieder ein, und er beruhigt sein schlechtes Gewissen mit dem Gedanken, dass eine Nacht im Untersuchungsgefängnis, ohne ein freundliches Gesicht zu sehen, vielleicht genau das Richtige ist, um Smith zur Vernunft zu bringen.

Er erzählt seiner Frau von dem Jungen. Sie blickt ihn verblüfft an. Normalerweise baut er keine emotionale Bindung zu dem kriminellen Gesindel auf, aus dem seine Mandantschaft üblicherweise besteht.

Er ist müde und geht früh schlafen. Als seine Frau ihn in den frühen Morgenstunden flüsternd weckt, weil sie glaubt, es würde jemand versuchen, durchs Wohnzimmerfenster einzusteigen, denkt er, sie muss einen Albtraum gehabt haben, denn schließlich liegt ihre Wohnung im zehnten Stock eines Hochhauses.

Aber als er ins Wohnzimmer geht und das Licht anmacht, kauert die Gestalt eines Mannes draußen auf dem schmalen Fenstersims.

Nein, kein Mann. Ein Junge. John Smith.

Der Verteidiger sagt seiner Frau, dass alles in Ordnung sei, öffnet das Fenster und lässt Smith herein.

»Sie haben gesagt, Sie würden kommen«, sagt der Junge halb weinerlich, halb vorwurfsvoll.

9

»Wie bist du aus dem Gefängnis entwischt?«, fragt der Verteidiger. »Und wie hast du mich gefunden?«

»Durch ein Fenster«, sagt der Junge. »Und die Adresse von Ihrer Kanzlei stand auf der Visitenkarte, die Sie mir gegeben haben, also bin ich durch ein Oberlicht eingestiegen und hab rumgesucht, bis ich Ihre Privatanschrift gefunden hab. Ich hab hinterher aufgeräumt, alles wieder in Ordnung gebracht.«

Seine Frau, die die Unterhaltung interessiert verfolgt hat, lässt das Brotmesser in ihrer Hand sinken und sagt: »Ich mach uns Tee.«

Sie kommt mit einer Kanne Tee und einem großen Biskuitkuchen zurück, den Smith im Verlauf der folgenden Stunde verputzt. In dieser einen Stunde holt sie mehr aus dem Jungen heraus als ihr Mann und die Polizei mit vereinten Kräften in zwei Tagen.

Als sie das Gefühl hat, nicht mehr erfahren zu können, sagt sie: »Jetzt bringen wir dich lieber wieder zurück.«

Der Junge blickt verstört, und sie beruhigt ihn: »Mein Mann sorgt dafür, dass die Anklage gegen dich fallen gelassen wird, ganz bestimmt. Aber aus der U-Haft fliehen, das geht nicht, deshalb musst du wieder im Untersuchungsgefängnis sein, wenn sie zum Wecken kommen.«

»Wir können da nicht einfach an die Tür klopfen«, wendet ihr Ehemann ein.

»Natürlich nicht. Du kannst doch so wieder reinkommen, wie du rausgekommen bist, nicht wahr, mein Lieber?«

Der Junge nickt, und eine halbe Stunde später sitzt das Ehepaar im Auto und beobachtet aus der Ferne, wie ein Schatten die Außenmauer des Untersuchungsgefängnisses hinaufläuft.

»Netter Kerl«, sagt die Frau. »Du hattest schon immer eine gute Menschenkenntnis.

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Wenn du ihn da rausgeholt hast, bringst du ihn mit nach Hause, bis wir uns überlegt haben, wie es für ihn weitergeht.«

»Nach Hause!«, echot der Verteidiger. »Zu uns nach Hause?«

»Wohin denn sonst?«

»Hör mal, ich mag den Jungen, aber ich hab nicht vor, ihn zu adoptieren!«

»Ich auch nicht«, sagt seine Frau. »Aber irgendwas müssen wir für ihn tun. Was soll er denn sonst machen? Weiter Autos knacken oder am King’s Cross seinen Hintern verkaufen?«

Also zieht Smith ins Gästezimmer seines Verteidigers, nachdem das Verfahren eingestellt worden ist.

Aber nicht für lange.

Die Ehefrau sagt: »Ich hab in der Kapelle von ihm erzählt. JC sagt, er würde ihn gern kennenlernen.«

Der Verteidiger verzieht das Gesicht: »Da wäre King’s Cross vielleicht die bessere Alternative.«

»Nein, da liegst du falsch. So was passiert nicht, wenn er einen Jungen unter seine Fittiche nimmt. Außerdem braucht der Junge einen Job, und an wen könnten wir uns sonst wenden?«

Das Treffen findet in einem Pub statt, nachdem der mittägliche Ansturm abgeflaut ist. Zunächst sagt der Junge nicht viel, aber zwei große Bier und das entspannte, unaufdringliche Verhalten des Mannes, JC, lösen ihm allmählich die Zunge. So sehr, dass er keinen Hehl macht aus seiner Abneigung gegen das Singen von Kirchenliedern und das Schütteln von Klingelbeuteln und überhaupt jede andere Tätigkeit, die ihm durch das Wort Kapelle in den Sinn gekommen ist.

Der Mann sagt: »Ich vermute, dir schwebt irgendwas vor, das mehr mit körperlicher Arbeit und freier Natur zu tun hat, was? Also lass hören. Was kannst du sonst noch außer senkrechte Wände rauf- und runterlaufen?«

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Der Junge überlegt und antwortet dann: »Ich kann Bäume fällen.«

JC lacht.

»Ein Holzfäller! Tja, wie’s der Zufall will, hat die Kapelle einen weitläufigen Garten, der gepflegt werden muss, und von Zeit zu Zeit käme uns da ein flinker Holzfäller sehr gelegen. Ich will sehen, was ich tun kann.«

Der Junge und die Frau wechseln Blicke und lächeln einander an.

Und der Mann, JC, beobachtet sie und setzt ebenfalls ein wohlwollendes Lächeln auf.

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3



Winter 1991: Terry Waite kommt nach drei Jahren Geiselhaft frei; 264 Kroaten werden Opfer eines Massakers in Vukovar; Freddy Mercury stirbt an Aids; Michael Jackson landet mit seinem Album Dangerous auf Platz eins; die Sowjetunion löst sich auf; Gorbatschow tritt zurück.

Und in einer stillen Seitenstraße im 20. Pariser Arrondissement sitzt ein Mann mit einem seligen Lächeln entspannt auf der bequemen Rückbank eines Citroën CX. Durch den treibenden Nebel über den Bäumen auf der anderen Seite eines kleines Parks kann er noch so eben die obersten drei Stockwerke eine sechsstöckigen Wohnhauses sehen. Er meint, einen Schatten wahrzunehmen, der sich flink an der Seite des Gebäudes herabbewegt, aber er ist rasch verschwunden, und außerdem weiß er seit Langem, wie sehr die Wahrnehmung in einer solchen Nacht trügen kann. Er widmet seine Aufmerksamkeit wieder Quintus Curtius’ Schilderung der Eroberung von Tyros und ist bald so darin versunken, dass er wenige Minuten später überrascht ist, als die Wagentür aufgeht und der Junge hereinschlüpft.

»Oh, hallo«, sagt er und schließt das Buch. »Alles in Ordnung?«

»Kinderspiel«, sagt der Junge. »Aber ich hab kalte Finger gekriegt.«

»Du solltest Handschuhe tragen«, sagt der Mann und reicht ihm eine Thermosflasche.

»Mit Handschuhen hab ich kein so gutes Gefühl für die Wand«, erwidert der Junge und trinkt direkt aus der Flasche.

Der Mann betrachtet ihn liebevoll und sagt: »Du bist ein braver kleiner Holzfäller.«

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Vorne im Wagen klingelt ein Telefon. Der Fahrer nimmt den Anruf entgegen, spricht Französisch. Nach einer Weile dreht er sich um und sagt: »Er ist jetzt unterwegs, JC. Aber wir haben ein Problem. Er ist noch am Gare de l’Est vorbeigefahren. Hat eine Frau und ein Kind abgeholt. Wir vermuten, seine Frau und Tochter. Die beiden sind jetzt mit ihm im Wagen.«

Ohne seine Miene oder den Tonfall zu verändern, sagt der Mann sanft: »Parle Français, idiot!«

Aber seine Warnung kommt zu spät.

Der Junge sagt: »Wieso Frau und Tochter? Du hast gesagt, er wohnt allein.«

»Tut er auch«, versichert der Mann. »Wie du bestimmt bemerkt hast, ist die Wohnung sehr klein. Außerdem hat er sich mit seiner Familie zerstritten. Falls es sich tatsächlich um seine Frau und Tochter handelt, und das steht nicht unbedingt fest, bringt er sie höchstwahrscheinlich nur zu einem Hotel. Möchtest du etwas essen? Ich habe Schokolade hier.«

Der Junge schüttelt den Kopf und trinkt wieder einen Schluck aus der Thermosflasche. Sein Gesicht wirkt besorgt.

Der Mann sagt leise: »Er ist ein sehr böser Mensch, ich meine, er ist in sich böse und noch dazu ein gefährlicher Feind unseres Landes.«

Der Junge sagt: »Jaja, ich weiß, das hast du mir erklärt. Aber das heißt ja nicht, dass seine Frau und seine Tochter böse sind, oder?«

»Natürlich nicht. Und wir tun alles in unserer Macht Stehende, um keine Unschuldigen zu gefährden. Auch das hab ich dir doch erklärt, nicht wahr?«

»Ja«, bestätigt der Junge.

»Siehst du.«

Sie sitzen beide eine Weile schweigend da. Das Telefon klingelt erneut.

14

Der Fahrer nimmt den Hörer, lauscht kurz, wendet den Kopf und sagt: »Ils sont arrivés. La femme et l’enfant aussi. Il demande, que voudriez-vous?»

Der Mann sagt: «Dites-lui, vas-y.«

Der Junge runzelt die Stirn, als könnte er durch schiere Konzentration verstehen, was da gesagt wird. Auf der anderen Seite des Parks verzieht sich der Nebel über den Bäumen für einen Moment, und die Silhouette des Wohnhauses zeichnet sich vor dem hellen Sternenhimmel ab.

In einem der obersten Zimmer flammt Licht auf. Zuerst sieht es aus wie ein ganz normales Licht, bernsteinfarben hinter einem gardinenlosen Fenster.

Und dann wird es rot. Die Entfernung ist zu groß, als dass irgendein Geräusch in das gut isolierte Wageninnere dringen könnte, aber im selben Moment sehen sie, wie die Fensterscheibe sich auflöst und Rauch und Trümmerteile auf sie zukommen, wie die Finger einer Hand, die sich nach ihnen reckt.

Dann verdichtet sich der Nebel wieder, und der Mann sagt: »Fahren wir.«

Zurück in ihrer Wohnung, geht der Junge in sein Zimmer, und der Mann setzt sich an das sanft zischelnde Gasfeuer im Kamin, um seinen Bericht zu verschlüsseln. Als er damit fertig ist, gießt er sich einen Drink ein und greift zu seiner Geschichte Alexanders des Großen.

Plötzlich geht die Tür auf, und der Junge, nur mit einer Unterhose bekleidet, kommt ins Zimmer gestürmt.

Er hat Mühe zu sprechen, so aufgewühlt ist er, und sagt: »Du hast mich angelogen, du verfluchter Scheißkerl! Die waren noch bei ihm, alle beide; es war in den Nachrichten. Es ist so verdammt furchtbar, sogar die englischen Nachrichten bringen es. Du hast gelogen! Warum?«

15

Der Mann sagt: »Es musste heute Abend passieren. Morgen wäre es zu spät gewesen.«

Der Junge tritt näher. Der Mann spürt den jungen muskulösen Körper dicht neben sich, die Wärme, die er verströmt.

Der Junge sagt: »Warum hast du das von mir verlangt? Du hast gesagt, du würdest nie etwas von mir verlangen, das ich nicht tun will. Aber du hast mich reingelegt. Warum?«

Diesmal lächelt der Mann nicht. Er sagt leise: »Mein Vater hat mal zu mir gesagt, wenn Liebe und grimmige Not aufeinandertreffen, gibt es nur einen Sieger. Wahrscheinlich verstehst du das heute ebenso wenig wie ich damals. Aber du wirst es irgendwann verstehen. Bis dahin kann ich dir nur sagen, dass es mir sehr leidtut. Ich finde einen Weg, es wiedergutzumachen, versprochen.«

»Wie? Wie willst du das je wiedergutmachen?«, schreit der Junge. »Du hast einen Mörder aus mir gemacht. Was könntest du denn tun, um das ungeschehen zu machen? Nichts! Gar nichts!«

Und der Mann sagt ganz traurig, als würde er kein Geschenk darbieten, sondern ein Urteil aussprechen: »Ich werde dir deinen größten Traum erfüllen.«

16


Wolf



1


Es war einmal, da lebte ich glücklich und zufrieden bis an mein seliges Ende.

Stimmt. Genau wie im Märchen.

Wie könnte ich mein Leben vor jenem strahlenden Herbstmorgen im Jahr 2008 anders beschreiben?

Ich war der einfache Holzfäller, der einen Blick auf die wunderschöne Prinzessin erhaschte, als sie auf der Schlosswiese tanzte, und sich in sie verliebte, obwohl er wusste, dass bei dem Standesunterschied zwischen ihnen allein schon seine Fantasien Grund genug gewesen wären, ihm den Kopf abzuschlagen, der aber gleichwohl, als den Freiern um ihre Hand drei scheinbar unmögliche Aufgaben gestellt wurden, seinen Hut in den Ring warf und nach vielen gefährlichen Abenteuern triumphierend heimkehrte, um die Erfüllung seines größten Traums zu fordern.

Genau an der Stelle nahm das Glücklich-und-zufrieden seinen Anfang, obwohl in der Märchenliteratur nie gesagt wird, wann das selige Ende kommt. In meinem Fall nach vierzehn Jahren.

Während dieser Zeit erarbeitete ich mir ein millionenschweres Vermögen, einen Privatjet, Wohnsitze in Holland Park, Devon, New York, Barbados und Umbrien, mir wurde meine reizende Tochter Ginny geschenkt und die Ritterwürde für besondere Verdienste um die Wirtschaft verliehen.

Derweil verwandelte sich meine Frau Imogen von einer duftenden jungen Prinzessin in eine elegante kultivierte Frau.

17

Sie organisierte unser gesellschaftliches Leben mit leichter Hand, erwartete nie etwas von mir, das ich nicht leisten konnte, und bereitete mir stets einen angemessenen Empfang, wenn ich nach meinen oftmals ausgedehnten Geschäftsreisen in eines unserer Häuser zurückkehrte.

Manchmal sah ich sie an und konnte kaum fassen, womit ich eine solche Schönheit, ein solches Glück verdient hatte. Sie war für mich der Inbegriff der Vollkommenheit, mein größter Traum, und immer wenn sich die Strapazen und Belastungen meines ungemein hektischen Lebens bemerkbar machten, musste ich bloß an meine Prinzessin denken, und schon wusste ich, dass ich der glücklichste Mensch auf Erden war, ganz gleich, was das Schicksal mir bescherte.

Dann, an einem Tag im Herbst – durch einen dieser Zufälle, die sich nur eine böse Fee ausdenken kann, war es unser Hochzeitstag –, änderte sich alles.

Um halb sieben Uhr morgens wurden wir in unserem Haus in Holland Park durch hartnäckiges Klingeln an der Tür geweckt. Ich stand auf und ging zum Fenster. Als ich die Polizeiuniformen draußen sah, dachte ich zunächst, irgendein Spaßvogel hätte uns zu unserem Hochzeitstag eine Strippertruppe geschickt. Aber sie erweckten nicht den Eindruck, als würden sie sich gleich die Uniformen vom Leib reißen und uns ein Ständchen bringen, und plötzlich stockte mir das Herz bei dem Gedanken, dass Ginny etwas passiert sein könnte. Sie war im Internat – nicht meine Entscheidung, aber wenn der einfache Holzfäller die Prinzessin heiratet, muss er wohl oder übel ein paar altehrwürdige Traditionen anstandslos hinnehmen.

Dann machte ich mir klar, dass sie wohl kaum ein ganzes Aufgebot schicken würden, um eine solche Nachricht zu überbringen.

18

Und sie hätten auch nicht jede Menge Pressefotografen und ein Fernsehteam im Gefolge.

Inzwischen hatte sich Imogen im Bett aufgesetzt. Selbst unter diesen beängstigenden Umständen lenkte mich der Anblick ihrer vollkommenen Brüste ab.

Sie sagte in ihrer gewohnt ruhigen Art: «Wolf, was ist denn los?«

»Keine Ahnung«, sagte ich. «Ich geh mal nachsehen.«

Ich nahm meinen Morgenmantel und schlüpfte hinein, während ich die Treppe hinunterging. Von unten waren Stimmen zu hören. Unter anderem erkannte ich den Cockney-Dialekt unserer Haushälterin, Mrs Roper. Sie protestierte lautstark, und als ich den Treppenabsatz erreichte, sah ich auch, warum. Offenbar hatte sie die Haustür geöffnet, und nun drängten sich die Polizisten rücksichtslos an ihr vorbei. Ein kleiner fleischiger Mann in einem zerknitterten blauen Anzug kam flankiert von zwei uniformierten Constables die Treppe herauf auf mich zugetrabt.

Zwei Stufen unterhalb von mir blieb er stehen und sagte atemlos: «Wolf Hadda? Verzeihung. Sir Wilfred Hadda. Detective Inspector Medler. Ich habe einen Durchsuchungsbefehl für dieses Haus.«

Er hob den Arm und reichte mir ein Blatt Papier. Ich hörte, wie unten Leute umhergingen, Türen geöffnet und zugeschlagen wurden, Mrs Roper weiter protestierte.

Ich sagte: «Was zum Teufel hat das zu bedeuten?«

Sein Blick glitt nach unten zu meinem Schritt. Seine Lippen zuckten. Dann wanderten seine Augen nach oben über meinen Körper und richteten sich auf etwas hinter mir.

Er sagte: «Vielleicht ziehen Sie sich besser was an, es sei denn, Sie möchten gern auf Seite drei landen.«

Ich drehte mich um, um nachzusehen, wohin er blickte.

19

Durch das Treppenfenster zum Garten hin konnte ich die alte Eberesche aus Cumbria sehen, die ich hierher verpflanzt hatte, als ich das Haus kaufte. Um diese Jahreszeit war sie voll mit roten Beeren, und ich wurde ebenso rot vor Wut beim Anblick eines Paparazzos, der im Geäst hockte und seine Kamera auf mich gerichtet hatte. Selbst auf diese Entfernung konnte ich den Schaden sehen, den er mit seiner Kletterpartie angerichtet hatte.

Ich drehte mich wieder zu Medler um.

»Wie ist der da hingekommen? Überhaupt, was hat die Presse hier zu suchen? Haben Sie die mitgebracht?«

»Aber, aber, warum hätte ich das denn wohl tun sollen, Sir?«, sagte er. »Vielleicht sind die Leute rein zufällig hier vorbeigekommen.«

Er versuchte nicht mal, überzeugend zu klingen.

Sein Tonfall war anzüglich und sein Mund sah aus, als unterdrücke er ein spöttisches Grinsen. Mir ist schon immer schnell die Sicherung durchgebrannt. Morgens um halb sieben, angesichts einer Horde von grobklotzigen Bullen, die mein Haus auseinandernahmen, und eines Paparazzos, der meine schöne Eberesche schändete, brannte sie noch schneller durch. Ich verpasste dem kleinen Arschloch eine Gerade mittenmang auf sein selbstgefälliges Maul, so dass er rückwärts die Treppe runterflog und einen von seinen Constables mitriss. Der andere zückte seinen Schlagstock und drosch mir damit aufs Bein. Der Schmerz war fürchterlich, und ich sackte auf dem Treppenabsatz zusammen.

Danach brach ein großes Tohuwabohu aus. Während ich unsanft aus dem Haus geschleift wurde, war Imogen vollständig angezogen oben an der Treppe aufgetaucht. Ich rief ihr zu: »Ruf Toby an!«

Sie wirkte sehr ruhig, sehr beherrscht. Prinzessinnen geraten nicht in Panik. Der Gedanke war mir ein Trost.

20

Kameras klickten, und Journalisten schrien irgendwelche unverständlichen Fragen, während ich in ein Auto verfrachtet wurde. Als wir davonbrausten, wandte ich den Kopf und schaute zurück. Schon trugen Polizisten prall gefüllte Müllsäcke die Treppe herunter und warfen sie hinten in einen Lieferwagen. Das Haus, das in der Morgensonne glänzte, schien verächtlich auf sie herabzublicken. Dann bogen wir um eine Ecke, und es verschwand aus meinem Blickfeld.

Ich wusste nicht – wie denn auch? –, dass ich es nie wieder betreten würde.



2


Meine Ankunft auf dem Polizeirevier schien sie zu überraschen. In dieser Phase kann meine Festnahme noch nicht geplant gewesen sein. Sobald der Schmerz in meinem Bein nachließ und mein Gehirn wieder einigermaßen funktionierte, kam ich zu dem Schluss, dass allem Anschein nach das Betrugsdezernat gegen mich ermittelte. Private-Equity-Gesellschaften profitieren vom Scheitern anderer Unternehmen, und Woodcutter Enterprises hatte auf seinem Erfolgskurs viele unglückliche Menschen zurückgelassen. Außerdem war die Stimmung auf den Märkten nicht gerade optimistisch, und wenn die Nerven blank liegen, finden böse Zungen leicht Gehör.

Ich hatte es mir also selbst zuzuschreiben, dass ich hopsgenommen worden war. Wenn ich nicht die Beherrschung verloren hätte, säße ich wahrscheinlich bei mir zu Hause im Wohnzimmer und würde mich weigern, auch nur eine einzige unverschämte Frage von Medler zu beantworten, solange mein Anwalt Toby Estover nicht da war. Ich hätte gern Medlers Gesichtsausdruck gesehen, als er den Namen hörte. 

21

Mr Itsover nennen seine Kollegen ihn, angeblich weil die Staatsanwaltschaft das immer sagt, wenn sie erfährt, dass Toby die Verteidigung übernommen hat. Anwälte werden oft bewundert, aber es ist nun mal eine Tatsache, dass viele windige Typen ungeschoren davonkommen, weil sie klug und reich genug waren, Toby Estover zu engagieren, als die Polizei bei ihnen anklopfte.

Ich wurde höflich behandelt – ich meinte sogar, auf den Lippen des Sergeants, dem ich übergeben wurde, den Hauch eines Lächelns zu sehen, als er erfuhr, dass ich festgenommen worden war, weil ich Medler eine verpasst hatte – und dann in eine Zelle gesteckt. Ziemlich minimalistisch, aber mit ein paar Vettriano-Drucken an der Wand hätte sie auch ein normales Einzelzimmer in einem von diesen neumodischen Boutique-Hotels sein können.

Ich weiß nicht, wie lange ich dasaß. Ich hatte keine Uhr umgehabt, als sie mich festnahmen. Genauer gesagt, hatte ich nichts angehabt außer meinem Morgenmantel. Den hatten sie mir abgenommen und mir einen weißen Baumwolloverall und ein Paar Plastikflipflops gegeben.

Ich überlegte gerade, ob ich anfangen sollte, an die Tür zu hämmern und Radau zu machen, als sie aufging und Toby hereinkam. Sein Anblick war in jeder Hinsicht eine Erleichterung. Er besitzt nicht nur einen vorzüglichen Verstand, sondern auch einen ebensolchen Geschmack. Genauso alt wie ich, aber schlank und elegant. An mir wirkt selbst ein maßgeschneiderter Dreiteiler nach zwanzig Minuten wie ein Blaumann. Toby würde dagegen selbst im Tarnanzug noch eine gute Figur machen. So elegant, wie er in seinem edlen Zwirn von Henry Poole und den Schuhen von John Lobb aussah, hätte er, wenn er damals in Jerusalem dabei gewesen wäre, selbst für Jesus glatt noch einen Freispruch rausgeschlagen, als der schon am Kreuz hing.

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Ich sagte: »Toby, Gott sei Dank. Hast du mir was zum Anziehen mitgebracht?«

Er blickte überrascht und sagte: »Nein, tut mir leid, alter Junge. Daran hab ich gar nicht gedacht.«

»Mist«, sagte ich. »Ich hatte gehofft, Imo hätte dir ein paar Klamotten mitgegeben.«

»Ich denke, sie hat im Moment andere Sorgen«, erwiderte er. »Setz dich, wir müssen uns unterhalten.«

»Hier?«, fragte ich.

»Hier«, sagte er mit Nachdruck und nahm auf der schmalen Pritsche Platz. »Könnte nämlich gut sein, dass in den Vernehmungsräumen irgendwer mithört.«

Dass die Polizei versuchen könnte, ein Anwalt-Mandanten-Gespräch zu belauschen, beunruhigte mich weniger als die unausgesprochene Vermutung, sie würde möglicherweise etwas mitbekommen, das mir schaden könnte.

Ich sagte: »Ganz ehrlich, mir ist scheißegal, was die hören. Ich hab nichts zu verbergen.«

»Richtig ist zweifellos, dass es mittlerweile wohl kaum noch irgendetwas gibt, was du verbergen könntest«, sagte er sarkastisch. »Wie ich höre, sind sie noch immer dabei, dein Haus zu durchsuchen. Aber wir sollten uns auf deine Computer konzentrieren. Wolf, wir haben nicht viel Zeit, also kommen wir gleich zur Sache. Ich hab mit DI Medler gesprochen … Übrigens, stimmt es, dass du ihn geschlagen hast?«

»Und ob«, sagte ich mit einiger Genugtuung. »Wahrscheinlich siehst du das Foto morgen in der Klatschpresse. Ich möchte das Negativ kaufen und es für mein Büro vergrößern lassen, falls du das arrangieren kannst. Hat Imogen dir erzählt, dass es bei uns vorm Haus nur so gewimmelt hat von Medienleuten? Die Polizei muss ihnen den Tipp gegeben haben. Ich möchte, dass du da ganz genau nachhakst, Toby.

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In letzter Zeit kommt so was viel zu oft vor, und nie wird mal einer zur Verantwortung gezogen …«

»Wolf, halt endlich die Klappe, Herrgott noch mal!«

Mir blieb die Spucke weg. Toby war normalerweise ein Muster an Höflichkeit. Okay, ich hatte ihm schon öfter mit einem meiner Lieblingsthemen in den Ohren gelegen, aber in seinem Tonfall lag eine Dringlichkeit, die weit über bloße Gereiztheit hinausging.

Ich sagte: »Toby, was ist los? Wonach suchen diese Idioten eigentlich? Gut, ich war vielleicht nicht immer hundertprozentig korrekt, aber die Firma ist solide, das schwöre ich. Weiß Johnny Nutbrown schon Bescheid? Ich denke, wir sollten ihn anrufen …«

Nutbrown war mein bester Freund und Leiter der Finanzabteilung bei Woodcutter. Er war ein mathematisches Genie. Falls Johnny bei irgendwelchen Berechnungen zu einem anderen Ergebnis gekommen wäre als ein Computer, hätte ich jederzeit auf Johnny gesetzt.

Toby sagte: »Johnny wird dir hier nichts nützen. Medler ist nicht vom Betrugsdezernat. Er ist in der Abteilung, die früher die Sitte genannt wurde. Sein Spezialgebiet ist Pädophilie. Kinderpornografie.«

Ich lachte erleichtert auf. Ja wirklich, ich lachte.

Ich sagte: »Tja, dann hock ich nur hier, weil ich diesem schmierigen Mistkerl eine verpasst hab. Die haben inzwischen bestimmt längst gemerkt, dass sie einen Riesenbockmist gebaut haben, und hoffen nur noch, dass die Medien sich aus Langeweile verziehen, ehe ich wieder auftauche. Von wegen! Ich geb meine Erklärung ab, und wenn ich dafür extra Sendezeit kaufen muss!«

Ich verstummte, nicht weil Toby irgendwas gesagt hatte, sondern wegen des Gesichtsausdrucks, mit dem er mich ansah.

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Taxierend. Das war das richtige Wort. Wie ein Mensch, der sich rückversichern will, aber dem Braten nicht ganz traut.

Er sagte: »Medler sagt, seiner Meinung nach reicht die Beweislage für eine Anklage aus.«

Ich schüttelte fassungslos den Kopf.

Ich sagte: »Aber mittlerweile müssen die doch meine Festplatte durchleuchtet haben. Wo ist das Problem? Irgendwelche Verschlüsselungen, die sie nicht geknackt haben? Herrje, von mir aus können sie sich ruhig kurz mal alles ansehen, vorausgesetzt, ich bin dabei …«

Toby sagte: »Er hat sich so angehört, als hätten sie so einiges gefunden …«

Ich erstarrte.

»So einiges?«, echote ich. »Du meinst Kinderpornos? Unmöglich!«

Er sah mich mit einem langen Blick an. Als er sprach, hatte seine Stimme einen juristischen Tonfall angenommen.

»Wolf, ich muss völlige Klarheit haben, damit ich weiß, wie wir weiter vorgehen sollen. Du versicherst mir also, dass auf keinem deiner Computer etwas Derartiges zu finden ist, keinerlei Bilder pädophilen Inhalts?«

Wut kochte in mir hoch, aber ich unterdrückte sie rasch wieder. Ein Freund hätte die Frage nicht stellen müssen, aber Toby war mehr als ein Freund, er war außerdem mein Anwalt, und als meinen Anwalt musste ich ihn jetzt sehen, genau wie er mich jetzt offenbar nur als seinen Mandanten sah.

Ich sagte: »Nichts.«

Er sagte: »Okay«, stand auf und ging zur Tür.

»Dann wollen wir mal hören, was DI Medler zu sagen hat«, sagte er.

Und das war der Anfang der Hölle.

25


3


Eines muss ich Medler lassen, er fackelte nicht lange.

Er zeigte mir einige Kreditkartenabrechnungen aus dem letzten Jahr und bat mich um die Bestätigung, dass es meine waren. Ich sagte, davon würde ich ausgehen, weil ja schließlich mein Name draufstand und ein paar von meinen Adressen. Er bat mich, sie mir genauer anzusehen. Ich überflog sie, konnte auf jeder einige größere Summen zuordnen – Hotelrechnungen zum Beispiel – und sagte ja, es wären definitiv meine. Dann machte er mich auf eine Reihe von Zahlungen aufmerksam – hauptsächlich an ein Internetunternehmen namens InArcadia – und fragte, ob ich mich erinnern könne, wofür diese Zahlungen erfolgt waren. Ich sagte, dass ich das so auf Anhieb nicht könne, was nicht verwunderlich sei, da ich für so ziemlich alles in meinem extrem hektischen Leben mit Kreditkarten bezahlte, von denen ich eine beeindruckende Anzahl angesammelt hatte, dass ich aber mit Hilfe meiner Sekretärin ganz sicher herausfinden könne, was mit diesen Summen jeweils bezahlt worden war.

Er schob die Abrechnungen zusammen, steckte sie in einen Ordner und lächelte. Die aufgeplatzte Lippe tat ihm bestimmt weh, aber sein Lächeln war trotzdem noch genauso verschlagen und anzüglich wie zuvor.

»Ich denke nicht, dass wir Ihre Sekretärin bemühen müssen, Sir Wilfred«, sagte er. »Wir können Ihrem Gedächtnis auf die Sprünge helfen, indem wir Ihnen ein paar von den Sachen zeigen, für die Sie da bezahlt haben.«

Dann klappte er den Laptop auf, der auf dem Tisch zwischen uns stand, drückte eine Taste und drehte ihn in meine Richtung.

26

Zuerst kamen Standbilder, dann ein paar Videoausschnitte. Alle zeigten sie Mädchen mitten in der Pubertät. Manche stellten sich provokativ zur Schau, manche wurden von Männern begrapscht. Jahre später verfolgen mich diese Bilder noch immer.

Dreißig Sekunden reichten. Ich knallte den Laptop-Deckel zu. Einen Moment lang konnte ich nicht sprechen. Ich sah zu Toby hinüber. Unsere Blicke trafen sich. Dann schaute er weg.

Ich sagte: »Toby, um Gottes willen, du denkst doch wohl nicht …«

Dann riss ich mich zusammen. Was auch immer hier vor sich ging, mich vor den Augen der Polizei mit meinem Anwalt auf einen Streit einzulassen, der noch dazu aufgezeichnet wurde, wäre wenig ratsam.

Ich sagte zu Medler: »Warum zum Teufel zeigen Sie mir diesen Dreck?«

Er sagte: »Weil wir ihn auf einem Computer gefunden haben, der Ihnen gehört, Sir Wilfred. Auf einem Computer, der mit Ihrem Passwort geschützt ist, in einem verschlüsselten Programm, auf das man nur Zugriff bekommt, wenn man einen fünfundzwanzigstelligen Code eingibt und drei persönliche Fragen beantwortet. Persönlich für Sie, meine ich. Außerdem wurden die fraglichen Bilder und Filme und noch viele andere bei der Internetfirma InArcadia gekauft und mit etlichen Ihrer Kreditkarten bezahlt, deren Abrechnungen Sie soeben bestätigt haben.«

Der Rest der Vernehmung war kurz und grotesk. Medler bemühte sich kein bisschen um Feinfühligkeit. Vielleicht war ich dem kleinen Arschloch dermaßen unsympathisch, dass er sich gar keine Kooperation von mir wünschte! Er bombardierte mich bloß mit Fragen, die immer beleidigender wurden: Wie lange hatte ich das schon getrieben?

27

Wie eng war mein Kontakt zu den Leuten hinter InArcadia? Hatte ich mich je selbst aktiv an derartigen Videoaufnahmen beteiligt? Und so weiter und so weiter –, ohne sich auch nur im Geringsten dadurch beirren zu lassen, dass ich die Unterstellungen immer heftiger abstritt.

Toby saß die ganze Zeit stumm wie eine Statue dabei, und schließlich vergaß ich meinen Vorsatz, mich nicht öffentlich zu streiten, und schrie: »Verdammte Scheiße, Mann, sag doch auch mal was! Was meinst du eigentlich, wofür ich dich bezahle?«

Er antwortete nicht. Ich sah, wie er zu Medler hinüberschielte. Vielleicht fing ich in meiner aufgebrachten Verfassung ja schon an, mir Sachen einzubilden, aber ich hatte den Eindruck, dass Toby fast kleinlaut dreinblickte, als wollte er sagen: Eigentlich will ich gar nicht hier sein, und Medler lächelte ihn kurz mitfühlend an, als würde er antworten: Ja, ich kann mir vorstellen, dass das nicht leicht für Sie ist.

Schließlich riss mir mein zugegebenermaßen nicht besonders strapazierfähiger Geduldsfaden. Es stand auf der Kippe, ob ich meinem Anwalt oder dem Polizisten eine reinhauen würde. Wenn ich es irgendwie erklären müsste, würde ich sagen, dass es sinnvoller war, mich für Letzteren zu entscheiden, weil mein Verhältnis zu ihm offensichtlich hoffnungslos war, während ich Toby noch brauchen würde.

Jedenfalls, ich verpasste Medler eine dicke Nase, zusätzlich zu seiner aufgeplatzten Lippe.

Und damit war die Vernehmung zu Ende.

28


4


Als ich das zweite Mal in die Zelle gebracht wurde, behandelte man mich weniger freundlich als beim ersten Mal.

Die beiden Polizisten, die mich dorthin schleiften und dann mit reinkamen, waren Experten. Nachdem die Tür wieder hinter ihnen zugefallen war, blieb ich noch eine gute halbe Stunde schmerzgekrümmt auf dem Boden liegen. Aber als ich mich einigermaßen erholt hatte und meinen Körper inspizierte, konnte ich so gut wie keinen sichtbaren Beweis für diesen polizeilichen Übergriff entdecken.

Ich schlug gegen die Tür, bis ein Constable auftauchte und mir sagte, ich sollte gefälligst Ruhe geben. Ich sagte, ich wollte Toby sprechen. Der Mann ging und kam einige Minuten später zurück, um mir mitzuteilen, dass Mr Estover das Revier verlassen hatte. Daraufhin verlangte ich, den Telefonanruf machen zu dürfen, auf den ich ein Recht hatte. Ob ich wirklich ein Recht darauf hatte, wusste ich gar nicht. Meine Kenntnisse in Sachen Strafrecht hatte ich, wie die meisten Menschen, größtenteils aus dem Fernsehen. Der Polizist ging wieder, und dann passierte rund eine Stunde lang gar nichts. Ich wollte gerade wieder anfangen, die Tür zu bearbeiten, als sie sich öffnete und Medler zum Vorschein brachte. Seine Nase war geschwollen und seine Lippe mit zwei Stichen genäht worden. In der Hand hielt er eine Reisetasche, die ich als meine erkannte. Er warf sie mir zu und sagte: »Ziehen Sie sich an, Sir Wilfred.«

Ich öffnete die Tasche – es lagen einige Kleidungsstücke darin.

Ich sagte: »Hat meine Frau die Sachen gebracht? Ist sie hier?«

Er sagte: »Nein. Sie hat sich bei einer Mrs Nutbrown einquartiert, in Poynters, nicht wahr?

29

Draußen bei Saffron Walden.«

Ich setzte mich auf die Pritsche. Okay, Johnny Nutbrowns Frau Pippa war Imogens beste Freundin, aber der Gedanke, dass sie abgetaucht war, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, mit mir zu sprechen, erfüllte mich mit Unbehagen. Und Enttäuschung.

Das war mir wohl anzusehen, denn Medler sagte schroff, als wäre es ihm zuwider, mich zu trösten: »Sie hatte keine andere Wahl. Sie wollte Ihre Tochter aus der Schusslinie bringen. Die Presse hätte in kürzester Zeit angefangen, an ihrer Schule rumzuschnüffeln. Die kampieren schon bei Ihnen vorm Haus.«

»Ja, und wessen Schuld ist das?«, entgegnete ich.

»Ihre, denke ich«, sagte er knapp.

Ich widersprach nicht. Wozu auch? Und wenn Imo und Ginny Zuflucht suchen mussten, waren sie in Poynters am besten aufgehoben. Johnny hatte das herrschaftliche elisabethanische Fachwerkhaus ein paar Jahre zuvor gekauft. Es muss ihn ein Vermögen gekostet haben. Ich weiß noch, dass ich damals zu ihm sagte: Offensichtlich bezahle ich dir zu viel! Er behauptete, es habe im achtzehnten Jahrhundert schon mal den Nutbrowns gehört, und er habe immer gewusst, dass es wieder in ihren Besitz kommen würde. In der jetzigen Situation bot es sich förmlich an, weil es ziemlich abgelegen war und weil Pippa, die ein kleiner Technikfreak war, ein topmodernes Sicherheitssystem hatte installieren lassen.

Ich kippte die Klamotten, die Medler mir gebracht hatte, auf die Pritsche. Anzug und Hemd passten nicht besonders gut zusammen, was bedeutete, dass die Tasche nicht von Imogen gepackt worden war. Vermutlich hatte er oder einer seiner Lakaien einfach wahllos irgendwas hineingestopft. Ich riss mir den Overall vom Leib.

30

Medler stand da und betrachtete mich.

»Suchen Sie nach Blutergüssen?«, fragte ich.

Er antwortete nicht, und ich drehte ihm den Rücken zu. Als ich mir die Unterhose anzog, blitzte helles Licht auf. Ich wandte mich um und sah ein Mobiltelefon in Medlers Hand.

»Haben Sie gerade ein Foto gemacht?«, fragte ich ungläubig.

Ich erntete sein vielsagendes Grinsen, und dann sagte er: »Sie haben da aber eine ziemlich hässliche Narbe auf dem Rücken, Sir Wilfred.«

»Muss wohl«, sagte ich mühsam beherrscht. »Ich seh sie nicht oft.«

Ein Mann schaut sich nicht seinen Rücken an. Vielleicht sollte er. Die fragliche Narbe stammte aus der Zeit, als ich dreizehn war und durch die cumbrischen Berge stromerte. Ich war auf dem Red Pike auf einem vereisten Felsen ausgerutscht und hundert Meter tief ins Tal von Mosedale geschlittert. Als ich endlich zum Stillstand kam, war mir die Kleidung vom Rücken gerissen worden, und die Wirbelsäule lugte deutlich durch das zerfetzte Fleisch. Zum Glück hatte jemand meinen Absturz gesehen, und die Jungs von der Bergwacht brachten mich in relativ kurzer Zeit auf einer Trage ins Krankenhaus.

Die erste Diagnose versprach wenig Hoffnung, dass ich je wieder würde gehen können. Doch nachdem die Ärzte einige Tage an mir herumgedoktert hatten, äußerten sie sich optimistischer, wenn auch noch verhalten, bis sie schließlich sehr zu ihrem eigenen Erstaunen erklärten, dass die Verletzungen zwar schwer seien, ich aber durchaus gute Heilungsaussichten hätte. Sechs Monate später war ich wieder in den Bergen unterwegs, und die einzigen Spuren, die mein Missgeschick hinterlassen hatte, waren ein fester Glaube an meine eigene Unsterblichkeit und eine gezackte Narbe von den Schulterblättern bis zum Steißbein.

31

War es legal, dass Medler ohne meine Erlaubnis ein Foto von meinem nackten Körper machte?, fragte ich mich.

Wie auch immer, ich wollte mir keinesfalls anmerken lassen, dass er mich verunsichert hatte, also zog ich mich weiter an, und als ich fertig war, sagte ich: »So, jetzt möchte ich meine Frau anrufen.«

»Eins nach dem anderen. Sergeant, führen Sie Sir Wilfred dem Haftrichter vor.«

Das ging alles sehr schnell. Zu schnell vielleicht. Festnahme, Vernehmung, Polizeigewahrsam, das waren Phasen, die man überstehen konnte, ohne das Gesicht zu verlieren. Es gab gewisse zeitliche Limits. Irgendwann kam dann der Moment, den Drehbuchautoren schlechter Fernsehserien so lieben, wenn der Anwalt sagt: »Inspector, entweder Sie nehmen meinen Mandanten jetzt in Haft, oder Sie lassen ihn gehen.«

Doch Medler kam all dem zuvor.

Es war töricht, aber als mir klar wurde, dass ich wegen tätlichen Angriffs auf einen Polizeibeamten im Dienst dem Haftrichter vorgeführt wurde, war ich erleichtert. Anscheinend, so schloss ich daraus, waren sie sich, was die Kinderpornografie anging, ihrer Sache doch nicht so sicher. Inzwischen war ich nicht mehr bloß fassungslos und entrüstet, sondern einfach nur noch wütend. Entweder die Polizei machte einen Riesenfehler, oder aber irgendwer versuchte, mich in die Scheiße zu reiten. So oder so, ich war mir sicher, dass ich das alles regeln könnte. Schließlich war ich reich und mächtig, oder etwa nicht? Ich konnte die besten Privatdetektive, die besten Berater, die besten Anwälte engagieren, und die würden diese wüsten Anschuldigungen bestimmt im Nu als blanken Kokolores entlarven.

Nachdem die Formalitäten erledigt waren, wollte ich erneut auf mein Recht pochen, Imogen anzurufen, doch Medler nahm mir den Wind aus den Segeln und sagte: »Ach ja, Sir Wilfred, Sie wollten ja telefonieren.«

32

Er führte mich in einen kleinen fensterlosen Raum, in dem ein Tisch mit einem Telefon darauf und ein Stuhl standen.

»Ich nehme an, es ist mit einem Aufnahmegerät verbunden, oder?«, sagte ich spöttisch.

»Wieso? Werden Sie denn irgendwas sagen, das wir nicht hören sollen?«, fragte er.

Mir wurde klar, dass er meinen Fragen ständig auswich.

Aber welche Antwort hatte ich denn erwartet?

Ich setzte mich, und Medler verließ den Raum. Ich brauchte ein paar Sekunden, bis mir die Nummer der Nutbrowns in Essex einfiel. Ich wählte. Nach sechs- oder siebenmaligem Klingeln sagte eine Frauenstimme zaghaft: »Ja?«

»Pippa, bist du das? Ich bin’s, Wolf.«

Sie antwortete nicht, aber ich hörte sie rufen: »Imo, er ist es.«

Einen Moment später hörte ich Imogens Stimme: »Wolf, wie geht’s dir?«

Sie klang so unbesorgt, so normal, dass sich meine Stimmung um etliche Grad besserte. Das war nicht die geringste ihrer vielen Qualitäten, diese Fähigkeit, mitten im Sturm eine Aura der Ruhe zu verbreiten. Sie war immer im Auge des Hurrikans.

Ich sagte: »Alles in Ordnung. Keine Sorge, dieser Unsinn ist bald aus der Welt geschafft. Was ist mit dir? Ist Ginny bei dir? Wie geht’s ihr?«

»Ja, sie ist hier. Es geht ihr gut. Es geht uns allen gut. Pippa ist fabelhaft. Ein paar Zeitungen haben angerufen. Ich schätze, sobald sie gemerkt haben, dass ich weg bin und dass Ginny aus dem Internat abgeholt worden ist, haben sie angefangen, alle möglichen Kontakte abzuklappern. Die sind wirklich ganz schön beharrlich, was?«

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Sie klang fast bewundernd. Ich war beunruhigt.

»Herrje. Was hat Pippa gesagt?«

»Sie war großartig. Hat so getan, als hätte sie noch von nichts gehört, und dann hat sie sie ganz kirre gemacht, indem sie zahllose alberne Fragen gestellt hat, bis die schließlich froh waren, auflegen zu können.«

»Gut. Aber das heißt, ihr müsst den Kopf in Deckung halten, falls sie doch noch Leute losschicken, die nach euch Ausschau halten. Daran ist meiner Meinung nach Medler schuld, dieser kleine Scheißer. Der hat die Presse offensichtlich von Anfang an informiert …«

Sie sagte: »Möglich. Aber Mr Medler war es, der mir empfohlen hat, Ginny von der Schule abzuholen, und dann hat er mir geholfen, von der Presse unbemerkt aus dem Haus zu kommen.«

...

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